Wenn Erholungssuchende das Badehaus der heißen Eye Stone-Quelle besuchen, führt sie der Weg durch ein schmales Waldstück. Wie ein grüner Schleier trennen die Pappeln das Grundstück am Fuß des Berges Wuling im Yan-Gebirge vom eleganten Ferienresort Aranya, nördlich von Peking. Sonnenstrahlen dringen durch das Blätterdach. Eine Stahlbogenbrücke überspannt einen Bach und bringt die Gäste auf eine Lichtung. Plötzlich, vielleicht im Nebel, der oft in den frühen Morgenstunden im Schwemmland des Yan-Gebirges entsteht, erscheint das Badehaus aus texturiertem Beton, wie eine dunkle Felswand. Robust und gleichzeitig filigran wirkt der Baukörper als würde er das natürlich geneigte Gelände nur leicht berühren. So stört er weder die umgebenden Bäume noch den mit Gräsern bewachsenen Boden. Acht zylindrische Strukturen ragen wie Schornsteine über die Baumwipfel und lassen an ein Schiff oder eine Maschine denken.
Maschine der heißen Quelle
Um die Grundfläche des Badehauses zu minimieren, trennen Vector Architects Erschließungs- und Servicebereiche von den Funktionsräumen und ordnen sie in zwei quaderförmigen Volumen an. Der Versorgungstrakt wächst als geschlossener Turm aus dem Boden. Westlich davon heben zehn Betonpfähle das Hauptgebäude über das Gelände und betonen die vertikale Anordnung der Funktionen. Das vollverglaste mittlere Geschoss durchbricht die monolithische Betonhülle. Eine dreigeschossige verglaste Brücke verbindet die beiden Baukörper. Mit subtilen visuellen Anspielungen schafft das Studio aus Peking eine Beziehung zwischen dem Badehaus und seiner Umgebung: So greift die Dachkante die Höhe der Pappeln auf. Und während die Stärke der filigranen Stützen dem Umfang der Baumstämme angepasst ist, findet sich die Struktur der benachbarten Felsen in der groben Textur der Außenwand wieder. Dafür musste der Sichtbeton 2–3 cm verstärkt und mit einem Buschhammer aufgeraut werden. Eine dunkel getönte Betonlasur greift die Farbe der Felsklippen auf. Dong Gong, Gründer von Vector Architects, versteht das Gebäude als eine Art Maschine der heißen Quelle. „Das Grundstück bot wenig Platz, also musste das Gebäude in einem engen Rahmen die unterschiedlichsten Raumerlebnisse schaffen. Wir haben die räumlichen Beziehungen fein abgestimmt. Wie ein Uhrwerk verbirgt es zahlreiche raffinierte Konstruktionen und Details.“ Bei der Anordnung der verschiedenen Funktionen auf den einzelnen Ebenen achteten die Architekten auf die natürlichen Lichtverhältnisse des Ortes: Auf der Ost- und Südseite ist das Grundstück von dichtem Wald umgeben, im Westen schirmt eine Felswand das Licht ab. In Bodennähe nimmt die Helligkeit durch den Schatten der hohen Pappeln deutlich ab.
Licht, Luft und Wasser
Nachdem die Gäste den Bach überquert haben, leitet sie der befestigte Weg zunächst um das Badehaus herum. Über eine Rampe gelangen sie in das erhöhte Erdgeschoss. Runde Luken über Kopfhöhe lassen gedämpftes Tageslicht in den Raum. Das schafft eine geschützte Atmosphäre – passend zur privaten Nutzung von Duschen und Umkleiden. Sie befinden sich in einer Raumbox aus Teakholz, die in das Betonvolumen integriert ist. Ihr natürliches Material setzt einen angenehmen Akzent zum polierten Sichtbeton. Der Aufzug im Servicetrakt führt in die obere Ebene mit den Thermalbecken. Dort herrscht eine kontemplative, fast mystische Stimmung wie in einer Grotte. Die einzige visuelle Verbindung nach draußen bildet ein schmales Fensterband direkt über der Wasserlinie. Jetzt lüftet sich auch das Geheimnis der acht Zylinder: Drei davon beherbergen eine Umkleide, ein Eisbad und eine Regendusche. Die übrigen fünf dienen als Lichtkamine. Gedämpftes Tageslicht streut sich an der gestockten Oberfläche, verteilt sich im Raum und verleiht dem Wasser optische Tiefe. Nach dem Bad entspannen sich die Besucher in der Lounge auf der mittleren Ebene. Hier fällt das Licht durch die Blätter der Baumkronen in den vollverglasten Raum. Ein leichter Hauch zieht durch die Kippflügel unter der Decke. Der Blick schweift weit durch die Äste der Pappeln. Hier können sich alle geborgen fühlen, wie in Laub gehüllt.

