Rund 100 Millionen Vögel fallen nach Schätzungen des Naturschutzbundes allein in Deutschland pro Jahr dem Aufprall an Glas zum Opfer.1 Gefahren für sie lauern überall: an Lärmschutzwänden und verglasten Durchgängen, Wintergärten, gläsernen Innenhoffassaden oder ganz normalen Fenstern. Gefährlich sind neben der freien Durchsicht auch Spiegelungen auf dem Glas, weil sie einen echten Himmel, Büsche oder Bäume vortäuschen. Diese treten selbst bei Gläsern mit wenigen Prozent Reflexionsgrad auf.
Möglichkeiten der Risikobegrenzung
Die Risiken des Vogelschlags lassen sich durch gestalterische konstruktive Maßnahmen jedoch stark reduzieren. Dazu zählen Schnüre vor den Scheiben, aber auch spezielle Druckmuster, Beschichtungen und Folien auf und in den Verglasungen. Außerdem kann entspiegeltes Glas das Kollisionsrisiko reduzieren. Um den Schutz zu vervollständigen, braucht es aber auch hier geeignete Markierungen, die die Spiegelungen unterbrechen. Greifvogelaufkleber zählen nicht dazu: Sie werden von Vögeln nicht als Feind erkannt, weil sie sich nicht bewegen. Außerdem muss an Glasfassaden die gesamte Fläche markiert sein; unmarkierte Stellen von mehr als 5 x 10 cm fliegen Vögel an.
Prüfung von Verglasungen in Flugtunneltests
Seit 2004 setzt sich vor allem die Wiener Umweltanwaltschaft (WUA) um den Experten Martin Rössler für Standards im vogelfreundlichen Bauen mit Glas ein. Zur Überprüfung von Glasmarkierungen hat sich im deutschsprachigen Raum die österreichische Norm ONR 191040 etabliert. Sie basiert auf Flugtunneltests, die Rössler und sein Team entwickelt haben und die an der Biologischen Station in Hohenau-Ringelsdorf in Niederösterreich durchgeführt werden. Dabei fliegen die Vögel durch einen im Freien platzierten Tunnel und steuern dabei wahlweise die zu prüfende Scheibe oder eine unmarkierte Referenzscheibe an. Zum Schutz der Tiere ist vor den Scheiben ein Abfangnetz installiert. Der Tunnel ist zudem drehbar, um ihn der Sonne nachführen zu können.
Bei den Flugtunneltests unterscheidet man verschiedene Testarten: Der ONR-Test überprüft Glasflächen mit spiegelungsfreier Durchsicht – hinter dem Glas ist es hell, auf der Seite des Vogels dunkel. Der WIN-Test misst dagegen den Vogelschutz bei Spiegelungen; hier ist die Hell-Dunkel-Konstellation genau umgekehrt. Das NPW-Verfahren ist eine Erweiterung des ONR-Versuchs, da es eine Spiegelung der Oberfläche bei hellem Scheibenhintergrund miteinbezieht. Für alle drei Tests gibt es ein vierstufiges Klassifizierungsschema von „hoch wirksam“ bis „unwirksam“. Hoch wirksam bedeutet, dass maximal 10 % der Vögel die Prüfscheibe anfliegen. Markierungen mit 10 bis 20 % Anflügen zur Prüfscheibe sind nach dem Hohenauer Schema „bedingt geeignet“. Hier kann laut Wiener Umweltanwaltschaft „an Standorten mit schlechten Lichtverhältnissen eine starke Reduktion der Wirksamkeit nicht ausgeschlossen werden“.
Alternativ zur ONR 191040 nehmen einige Hersteller Bezug auf die Klassifizierung des American Bird Conservancy (ABC). Allerdings gelten nach dem ABC-Produkte mit einer Anflugrate (Threat Factor beziehungsweise TF) von 30 % noch als „wirksam“. Außerdem ist der ABC-Test ein reiner Durchsichttest, überprüft also nicht den Vogelschutz bei Spiegelungen. Es lohnt sich daher, bei der Wahl der Verglasung genau hinzusehen. Orientierung gibt dabei auch eine Broschüre, die mehrere Organisationen aus dem deutschsprachigen Raum 2022 herausgegeben haben.
Viele Optionen bieten Schutz
Von UV-Strahlung reflektierenden, transparenten Markierungen raten Martin Rössler und seine Kollegen ab. Sie empfehlen dagegen all jene Markierungen, die sich nach ONR-, WIN- und NPW-Verfahren als hoch wirksam erwiesen haben. Dazu zählt etwa die von Eastman gemeinsam mit einem Schweizer Hersteller entwickelte PVB-Folie Saflex FlySafe 3D. Diese ist mit einem Raster aus reflektierenden Metallpailletten bestückt und wird im Verbundsicherheitsglas (VSG) zwischen den Glasschichten positioniert. Das Muster fängt das Licht in verschiedenen Winkeln ein und blinkt dadurch leicht. Wegen der dreidimensionalen Wirkung der Metallpunkte muss das Muster nur rund 1 % der Glasfläche bedecken, um Wirkung zu zeigen.
Weitere nach dem WIN-Verfahren als hoch wirksam eingestufte Vogelschutzlösungen bieten Pilkington, Arcon und Sedak an. Bei allen drei Produkten liegt die Beschichtung oder Bedruckung auf der Glasaußenseite und damit dort, wo sie von den Vögeln am besten wahrgenommen wird. Pilkington AviSafe trägt ein Streifenmuster aus metallischen, UV-verstärkten Beschichtungen, die von innen für das menschliche Auge kaum sichtbar sind. Die Reflektion hat die Wellenlänge, in der Vögel das UV-Licht am schärfsten sehen können. Christian Eibl, Senior Technologist bei Pilkington, fasst zusammen: „Unser Produkt vereint das Beste für Mensch und Tier: gute, stressfreie Durchsicht von innen nach außen (Mensch) sowie – nachgewiesen durch WIN-und ABC-Tests – gute Sichtbarkeit des Streifenmusters von außen nach innen (Vogel).“
Auch die Gläser der Produktfamilie Ornilux design von Arcon verbinden schützende Wirkung und optischen Anspruch. Bei Ornilux design lines bilden die metallisch glänzenden Markierungen ein Muster opaker Streifen. Darüber hinaus gibt es das Ornilux design dots, das aus einem semitransparenten Punktmuster mit nahtlosem Designverlauf basiert. Es ist nach dem Hohenauer Schema als „bedingt geeignet“ klassifiziert.
Neben VSG lassen sich auch normales Floatglas und Einscheiben-Sicherheitsglas (ESG) mit der Vogelschutzbeschichtung ausrüsten.
Eine sehr hohe Transparenz liefert ein von Sedak entwickelter, keramischer Druck auf den Glasscheiben. „Bislang war für einen effektiven Vogelschutz ein Bedruckungsgrad von bis zu 50 % erforderlich. Mit einem speziellen Druckdesign ist es uns gelungen, ein hochwirksames Vogelschutzglas mit einen opaken Anteil von gerade einmal 1% zu entwickeln. Dadurch bieten wir eine optimale Lösung bei höchstmöglicher Transparenz“, sagt Kevin Berni, Vertriebsleiter bei Sedak. Die Bedruckung funktioniert bis zum Maximalformat 3,60 x 20 m und ist als Sicherheits- und Isolierglas lieferbar. Sie besteht aus kleinen Quadraten oder runden Punkten, die in einem regelmäßige Raster angeordnet sind. Das Punkte-Muster bedeckt etwas weniger Fläche als sein quadratisches Pendant, erzielt allerdings auch eine etwas geringere Schutzwirkung.
Vogelschutz im Bestand
Zur Nachrüstung bestehender Glasfassaden will der Glasveredler Hegla boraident im Juni 2023 ein mobiles Laserdruckgerät auf den Markt bringen. Je nach Einsatzzweck ist damit ein transparenter oder blickdichter Aufdruck möglich. Dieser erfolgt in Grautönen, die bedruckte Fläche der Scheibe ist gering – in der Regel handelt es sich um Punkte mit 5 mm Durchmesser im Abstand von 50 cm. Die Veredelung ist gleichermaßen bei ESG, VSG und auch Floatglas möglich. Darüber hinaus können Isolierglaseinheiten und Einzelgläser schon während der Produktion bearbeitet werden. Der Hersteller hat verschiedene Varianten des so beschichteten Glases vom ABC überprüfen lassen, wobei ein TF-Schutzfaktor zwischen 13 und 27 % erreicht wurde.
1 nabu.de/tiere-und-pflanzen/voegel/gefaehrdungen/11932.html
2 vogelglas.vogelwarte.ch/assets/files/broschueren/Glasbroschuere_ 2022_D.pdf
