Ressource Landschaft

 - Andreas Müsseler

Die Nutzung von Fläche ist ein Ausdruck unserer Kultur. Angesichts des enormen Verbrauchs dieser kostbaren Ressource müssen wir uns fragen, wie künftig eine sparsamere Nutzung möglich ist.

Ressource Landschaft
Unerwartetes entsteht dort, wo Unterschiedliches aufeinandertrifft und miteinander in Beziehung tritt: Einfamilienhaus auf einer Gewerbehalle in Markgröningen. © AMUNT Nagel Theissen

Das Kohle- und Ölzeitalter ist nicht nur mit einem enormen Anstieg der Treibhausgase in der Atmosphäre verbunden, sondern hat viele Begleiterscheinungen, mit denen wir uns beschäftigen müssen. Unser Umgang mit Fläche und unser Drang Neues zu bauen sind dabei zwei gewichtige Phänomene, in der unser entfremdetes Verhältnis zur Natur sichtbar wird.

Wenn wir heute von Flächenverbrauch sprechen, sollten wir uns zunächst vor Augen führen, dass wir in Deutschland bereits seit vielen Jahrzehnten alle Flächen in Nutzung genommen haben. Unberührte Natur oder Wildnis existieren nur noch auf weniger als 1 % der Fläche.1 Diese Art der maximalen Flächennutzung ist als "Kulturlandschaft" im deutschen Wortschatz verankert. Darin wird sichtbar, was unser Umgang mit der Ressource Fläche im Kern ist: ein Ausdruck unserer Kultur.

Damit verbinden sich unmittelbare Fragen danach, was uns als Ausdruck unserer Kultur wichtig ist. Das Auto? Verkehrswege? Grünraum? Soziales Miteinander? Zwar verwenden wir derzeit nur 14,5 % unserer Flächen für Siedlung und Verkehr, aber der Anteil wächst in Deutschland täglich um rund 55 ha. Schon längst müssen wir uns auch im Umgang mit unserer Fläche fragen, ob wir all die neuen Straßen und Häuser angesichts der Nebenwirkungen, die mit ihrer Produktion, ihrer Herstellung, ihrer Verwendung und Entsorgung einhergehen, wirklich brauchen.

Das Wohnen ist wesentlicher Teil der Bau- und Gebäudewirtschaft, die für 35 - 40 % des CO2-Ausstoßes und Energieverbrauchs verantwortlich ist und mehr als 70 % aller in Deutschland abgebauten mineralischen Rohstoffe benötigt.2 Gleichzeitig erzeugen Bau- und Abbruchabfälle mehr als 50 % unseres gesamten Müllaufkommens.3 Zudem wissen wir, dass sich die Wohnfläche pro Einwohner in Deutschland seit den 1950er-Jahren von 15 m2 je Einwohner auf heute bald 50 m2 mehr als verdreifacht hat. Wenn wir also heute über das Wohnen sprechen und die Notwendigkeit mehr Wohnraum zu schaffen, dann meinen wir offensichtlich Bedürfnisse, die in der Gesamtheit weit über das menschliche Grundbedürfnis hinausgehen und damit in erster Linie eine kulturelle Frage sind. Selbstverständlich müssen wir darüber diskutieren, wie der vorhandene Wohnraum verteilt ist, wie er genutzt wird und wem er zugutekommt. Ist das von der Politik gepredigte Mantra vom "Bauen, Bauen, Bauen" wirklich die beste Lösung, jedem Menschen ein Dach über dem Kopf zu ermöglichen?

Weiterhin weist das Bundesinstitut für Bau-, Stadt- und Raumforschung (BBSR) darauf hin, dass der aktuelle Wohnraumbedarf durch die Nutzung vorhandener Brachen und Baulücken befriedigt werden kann.4 Selbst in den Boomregionen ist die durchschnittliche Wohnfläche je Einwohner mit fast 40 m2 unverändert hoch.5 Die anhaltende Ausweisung neuen Baulandes erscheint vor diesem Hintergrund fragwürdig, denn auf dem aktuellen Weg werden sowohl die wohnungspolitischen Ziele als auch die Klimaziele massiv verfehlt. Grund genug also, unser Verhältnis zu Grund und Boden genauer zu beleuchten.

Nutzen statt Verbrauchen

Betrachten wir unseren Umgang mit Fläche zunächst räumlich und emotional, so argumentiert der Philosoph Otto Friedrich Bollnow, dass das "Raumen" - also das Schaffen von Raum als Lichtung im (Ur-)Wald - uns Menschen seit jeher im Chaos der Natur verortet und uns Schutz vor den Gefahren der Natur bietet.6 Und Rem Koolhaas zeigt am Beispiel der Berliner Mauer - als drastischste Manifestation der Grenze -, dass Abgrenzung bis heute in jeder Form menschlicher Siedlung spürbar wird.

Die Grenze trennt zwar für eine gewisse Zeit, macht Gegensätze unterschiedlichster Art sichtbar und verstärkt diese. Aber nur um selbst sofort als Quelle der Reibung für die Gesellschaft nutzbar zu werden. Unmittelbar nach der Grenzziehung wird die Grenze also weiterbearbeitet, durchbrochen, übertreten, aufgelöst oder verstärkt. Dabei wird sie selbst immer auch zum Ort des Treffens und der Orientierung.

Grenzen lassen sich in unserer Kulturlandschaft mit landschaftlichen Mitteln ebenso gestalten wie mit baulichen (Abb. Seite 64). Letztendlich ist die gesamte Landschaft eigentlich als kollektiver Text lesbar, welcher durch eine Vielzahl von Grenzziehungen in unterschiedlichen Zeiten entstanden ist und - vor allem - in andauernder weiterer Entstehung begriffen ist.8 Landschaft ist daher keine verbrauchbare Ressource, sondern ein kontinuierliches System, das in ständigem Wandel begriffen ist.

Im raumordnenden Maßstab haben Ungers und Koolhaas bereits 1977 in ihrem Manifest "Berlin, ein grünes Archipel" eine radikal andere Sicht der Stadtlandschaft aufgezeigt, in der weder Land noch Stadt die Oberhand gewinnen, sondern sich mit ihren unterschiedlichen Qualitäten innerhalb des gemeinsamen Archipels gegenseitig verstärken.

Vergleichen wir heutige Bilder von raumgeordneten Landschaftsräumen oder schrumpfenden Städten mit den Darstellungen des Manifests, wird das aktuelle Potenzial dieser gemeinsamen räumlichen Betrachtung sichtbar (Abb. Seite 63 Mitte). Denn Wachstum trifft keineswegs alle Regionen Deutschlands gleichermaßen. Im Gegenteil. Die heute medienpräsente Wohnungsnot beschränkt sich auf einige wenige Ballungsräume und Wachstumsregionen. In den meisten Regionen geht es um Erneuerung und Ersatzneubau. Und in vielen Gegenden fragmentiert die Schrumpfung sogar den Stadtraum (Abb. Seite 63 unten).10 In "Die Stadt in der Stadt" legen Ungers und Koolhaas dar, wie Fragmente spezifischer Stadt-Teile innerhalb eines grünes Netzes koexistieren und ihr individueller Charakter verstärkt wird. Denn es geht - wie Koolhaas schreibt - um die Intensivierung der empfundenen Realität.

Stärken, was wir haben

Die Grenzziehung als Akt menschlicher Kultur verhandelt aber nicht nur Räume, sondern immer auch soziale und politische Fragen.9 Sehen wir die gesamte Kulturlandschaft aus Siedlungen, Wäldern, Wiesen und Verkehrswegen als Archipel, dann müssen wir uns zusätzlich fragen, wie unser Handeln und unsere Eingriffe nicht nur Grenzen schärfen können, sondern auch, wie sie die jeweilige Identität des Ortes im Kleinen wie im Großen stärken können. Dafür gilt es einerseits, das Vorgefundene zu respektieren und dennoch nach dem Unerwarteten zu suchen. Meistens liegt es im Möglichkeitsraum zwischen unseren individuellen Träumen und der meist nur scheinbaren Banalität des Faktischen verborgen. Darauf möchte ich gerne an zwei Beispielen aus meiner beruflichen Erfahrungswelt mit den alten Kategorien "Land" und "Stadt" eingehen.

Land - Beispiel Oberpfalz

Die Landschaft der Oberpfalz im Nordosten von Bayern ist spürbar von der Flurbereinigung geprägt. Viele Dörfer wurden durch die Verlagerung der Hofstellen in die landwirtschaftlichen Flächen und die Gemeindereform strukturell ausgehöhlt. Die Bevölkerungsprognose ist langfristig negativ. Dennoch kennzeichnet ein weiter anwachsender Flächenverbrauch diese Gegend, der als Donut-Effekt treffend bezeichnet ist. Während an den Rändern neue anonyme Einfamilienhausgebiete ausgewiesen werden, stehen immer mehr Gebäude in den Zentren leer - ein Teufelskreis, in dem sich das Dorf selbst immer weiter aushöhlt.

Dennoch besitzen die Dörfer und Märkte in ihrer ländlichen Struktur nach wie vor einzigartige Qualitäten wie die Nähe zur Landschaft und die starke Gemeinschaft, die eine unveränderte Anziehungskraft ausüben. Gleichzeitig birgt die Digitalisierung Chancen, den Nachteil der größeren Entfernung zum Arbeitsplatz zu kompensieren. Die fehlende oder stark eingeschränkte Infrastruktur bleibt aber eine der großen Herausforderungen im Ringen um Attraktivität. Denn lebendige Zentren mit Einkaufsmöglichkeiten, Einrichtungen für Bildung und Sport, aber auch Gewerbe und Angebote für Senioren, Kinder und andere Gruppen sind in den Dörfern selbstverständlich weiterhin erwünscht.

Die erste naheliegende These ist nun, entsprechende Angebote und Funktionen in den Gemeinden zu fördern, wie etwa in Blaibach durch den Bau eines Konzertsaals oder in Gundelsheim durch die Ergänzung einer Bücherei (Abb. rechts). Die damit verbundene Herausforderung ist jedoch offensichtlich: Tragen sich diese öffentlichen Funktionen dauerhaft? Der Sanierungsstau bei den öffentlichen Schwimmbädern zeigt beispielhaft, welche Verpflichtungen die Gesellschaft mit dem Unterhalt und der Pflege solcher ortsgebundenen Funktionen eingeht.

Eine Alternative könnte darauf zielen, die besonderen Interessen und Fähigkeiten der Bewohner für das Dorfleben zu erschließen. Viele Menschen verfügen über Werkstätten, kleine Bibliotheken, ein semiprofessionelles Heimkino oder Tonstudio, spielen ein Instrument oder kümmern sich gerne um junge oder alte Menschen. Gerade der Leerstand in den Dorfzentren stellt ein günstiges räumliches Potenzial für Personen dar, die sich an anderen Orten keine ausreichenden Flächen mehr leisten können, um ihren Hobbies und Interessen nachzugehen.

In einer Reihe von Entwurfsaufgaben an der Ostbayerischen Technischen Hochschule (OTH) Regensburg untersuchen wir derzeit, ob leerstehende oder untergenutzte Gebäude in den Dorfzentren an der Schnittstelle zwischen dem öffentlichen und dem privaten Raum die Chance für neue räumliche Angebote bieten können (Abb. oben). Die Bewohner öffnen einzelne Räume der Öffentlichkeit, wann immer ihnen danach ist und teilen, was sie können. Es entstehen beispielsweise Häuser für Bastler, Hobbyschreiner, eine Tagesmutter, einen Cineasten oder einen Bücherliebhaber. Der Vorteil dieser informellen Angebote besteht darin, dass sie nicht wirtschaftlich motiviert sind, sondern die Idee der Gemeinschaft auf dem Land stärken. Die Bewohner und Bewohnerinnen der Dörfer werden so zu den Identitätsstiftern des Wandels.

Stadt - Beispiel München

Die Ausgangslage ist in einer der größten Wachstumsregionen Deutschlands vermeintlich diametral entgegengesetzt. Unser Blick nach München richtet sich hier auf die vom pulsierenden Wachstum abgehängten Stadtteile. In diesen Quartieren zeigen sich nun ebenfalls die Schattenseiten einer in den Wirtschaftswunderjahren angelegten Strukturreform vom Kleinen, Diversen hin zu großen, autogerechten (oder industriegerechten) Strukturen. Auch hier muss die Funktionstrennung hinterfragt und der digitale Wandel genutzt werden, um Nachverdichtungspotenziale zu aktivieren. Ziel ist es, die Nutzungsvielfalt zu erhöhen und die Zusammenkunft in der Nachbarschaft auch ohne Konsumzwang zu ermöglichen. Nachgefragt sind Partizipation an alternativer Energiegewinnung, ökologischem Umbau und Wohnumfeldgestaltung ebenso wie soziale Gerechtigkeit, Diversität und Barrierefreiheit.11 Die Parallelen zu den Wünschen auf dem Land sind frappierend.

Mit dem Projekt NEBourhoods betreibt die Stadt München zusammen mit der TU München und weiteren Akteuren aktuell ein umfangreiches Forschungscluster in Neuperlach, das letztendlich die zuvor für die Oberpfalz beschriebenen Fragen behandelt, allerdings in einem völlig anderen Maßstab und Kontext.

Unser Teilprojekt, das wir an der OTH gemeinsam mit dem Lehrstuhl von Andreas Hild an der TU München erforschen, beschäftigt sich insbesondere mit dem sozialgerechten Umbau des seriellen Wohnungsbaus durch die zielgerichtete Erweiterung der vorhandenen Substanz. Durch den Zubau kleiner barrierefreier Wohnungen direkt an den Bestand wird der bestehende Wohnraum so aktiviert, dass größere Wohnungen für Familien frei werden und das Wachstum der Stadt dadurch auf bestehenden Flächen abgefangen werden kann (Abb. links). Auch kann dieses Wachstum für eine positive Weiterentwicklung des Bestehenden genutzt werden.

In beiden Beispielen geht es darum, Siedlungsflächen nicht weiter auszudehnen, sondern Brachen in den vorhandenen Siedlungsräumen zu aktivieren. Beide Fälle wollen Werbung machen für das Sehen und Verstehen dessen "was ist" und die dadurch inspirierten jeweiligen Identitäten fortschreiben. Stadt und Land sind kein Gegensatz, sondern Teile unserer räumlich erfahrbaren Geschichte, deren Fortschreibung wir nicht länger als Verbrauch oder Konkurrenz erleben sollten. Dies wäre eine Renaissance der Kulturlandschaft.

  • Stroh

    Die Professur für Kreislaufgerechten Holzbau am Karlsruher Institut für Technologie (KIT) präsentiert dieses umfassende Nachschlagewerk zum nachhaltigen Bauen mit Stroh. Stroh bietet großes Potenzial für eine klimagerechte Baukultur: Es ist regional verfügbar, kostengünstig, CO2-speichernd und vollständig kreislauffähig. Die Publikation vermittelt Wissen über konstruktive, rechtliche und gestalterische Möglichkeiten auf nachvollziehbare, kritisch reflektierte und praxisnahe Weise. Sie dokumentiert Ergebnisse aus Lehre und Forschung, beleuchtet realisierte Projekte und zeigt konstruktive Prinzipien, Detaillösungen sowie gestalterische Potenziale. Hochwertige Fotografien, Pläne und Grafiken vermitteln die Inhalte anschaulich.