Fokus Ausstellen und Inszenieren: Gonzalez Haase befreien den Raum

Gonzalez Haase AAS ist ein 1999 gegründetes, in Berlin ansässiges Studio mit den Schwerpunkten Architektur, Szenografie und Beleuchtung. Zu ihren Arbeiten gehören große Kunstinstallationen, puristische Verkaufsräume, Wohnausbauten und Umbauten für Industrie- und Kunsträume. Mit den Bürogründern Pierre Jorge Gonzalez und Judith Haase sprach Detail über Romanfiguren in Bürolandschaften, den Charme des Unfertigen und über das Zusammenspiel von Licht und Raum.

Fokus Ausstellen und Inszenieren: Gonzalez Haase befreien den Raum
Raumgestaltung, Ausstellungsdesign: Gonzalez Haase AAS, Berlin Büro FischerAppelt (2017) © Thomas Meyer / Ostkreuz

DETAILinside: Sie haben gerade die Büros für FischerAppelt fertiggestellt. Erstmals adaptieren Sie eine komplette Geschichte und übersetzen diese in eine räumliche Inszenierung. Was hat Sie an der Aufgabe gereizt?

Judith Haase: FischerAppelt konzipieren Kampagnen für Marken oder Produkte, sie sind Geschichtenerzähler. Genau das sind wir aber nicht und das machte das Projekt spannend. Wir konnten uns der Thematik auf eine uns eigene abstrakte Weise nähern.

DETAILinside: Wie kamen Sie auf das Thema »Alice im Wunderland«?

Judith Haase: Noch während meines Studiums begann ich für den Regisseur und bildenden Künstler Robert Wilson zu arbeiten. Das erste Stück, dass ich mit ihm umsetzte, war »Alice im Wunderland«. Durch Robert lernte ich auch Pierre Jorge kennen. Die Geschichte steht also gewissermaßen für den Anfang unserer Zusammenarbeit.

DETAILinside: Phantastische Romancharaktere in einer Bürolandschaft: Wie geht das zusammen?

Judith Haase: Auf ihrer Reise begegnet Alice sehr unterschiedlichen Charakteren. Wir haben viel darüber nachgedacht, wie man die Figuren in Architektur übersetzen und sie mit den Funktionen im Büro zusammenbringen kann. In der Chefetage im fünften Stockwerk ist die Raupe das zentrale Motiv. Sie ist weise, sitzt auf einem Pilz, raucht und gibt Alice Ratschläge, wie sie sich im Wunderland verhalten soll. Also haben wir in den Besprechungsräumen die Glasscheiben mit milchigen Folien in verschiedenen Trübungen versehen. Man kann hindurchsehen oder nicht — je nachdem wo man gerade steht. Die gleichmäßig aneinandergereihten Segmente des Raupenkörpers tauchen in abstrahierter Form beim Empfangsschalter auf (C), ebenso bei den Sofasitzmöbeln, die sich modular addieren lassen. In den Kreativabteilungen haben wir viel mit Spiegeln experimentiert. Die vierte Etage widmet sich den rot gekleideten Zwillingen Tweedledum und Tweedledee. Hier ist die Decke komplett verspiegelt und die Oberflächen sind stark reflektierend — man sieht buchstäblich doppelt (D). In der überwiegend schwarz gehaltenen dritten Etage bewirken rechtwinklig zueinander montierte Spiegel, dass man beim Vorbeigehen unvermittelt auftaucht und wieder verschwindet — wie die Grinsekatze, auf die wir zwar Bezug nehmen, die man aber nicht sieht. Wir übersetzen sie lieber in Bewegung und Architektur. Diese Art der Abstraktion hat wirklich viel Spaß gemacht.

DETAILinside: Inszenierung ist auch ein Spiel mit der Glaubwürdigkeit. Woran erkennen Sie, wie weit Sie gehen können?

Pierre Jorge Gonzalez: Der Vorteil ist, dass die Kunden aufgrund unserer Herangehensweise zu uns kommen. Wenn wir diesem Ansatz treu bleiben und der Kunde nicht zuviel Druck macht, ist das Ergebnis auch authentisch. FischerAppelt ist ein gutes Beispiel, weil das Projekt die Umsetzung einer Geschichte erforderte. Das ist nicht die übliche Art, wie wir unsere Räume entwickeln. Wir waren jedoch trotzdem völlig frei in unseren Entscheidungen. Also haben wir eine Welt geschaffen, die in puncto Identifikation noch immer abstrakt ist. Nur wenn man die Idee dahinter kennt, verbindet man sie mit der Geschichte und kann sie nicht mehr loslösen.

DETAILinside: Wie entwickeln und testen Sie solch räumlich komplexe Inszenierungen?

Pierre Jorge Gonzalez: Im Prozess geht es darum, eine Idee in ein Programm zu überführen. Wir fertigen viele Skizzen an und generieren daraus sofort einen kompletten Raum in 3D. So erhalten wir rasch ein vollständiges Verständnis seiner Dimensionen, seiner Lichtverhältnisse und seiner tragenden Struktur. Wir definieren Materialien und überprüfen, ob sie für das jeweilige Projekt funktionieren. Das Resultat ist eine Art virtuelle Skulptur.

Judith Haase: Weil wir millimetergenau konstruieren, können wir jederzeit alles kontrollieren: jede Dicke, jedes Material und wie die Materialien miteinander verbunden sind.

DETAILinside: Ihr Workflow scheint gut zu funktionieren. Sie haben einen enormen Output an Projekten.

Judith Haase: Wir arbeiten (lacht). Die Arbeit ist unser Leben. Wir lassen uns durch viele Dinge in unserer Umgebung inspirieren. Wir versuchen, uns nicht zu wiederholen und immer wieder einen Ansatz zu finden, der uns in eine neue Richtung bringt. Es gibt kein Rezept. Das macht die Arbeit interessant. Aber egal um welches Projekt es sich handelt, der Raum steht dabei im Fokus.

DETAILinside: Was bedeutet das konkret?

Pierre Jorge Gonzalez: Wir wollen den Raum in erster Linie lesbar machen. Deshalb entfernen wir zunächst alles Überflüssige wie Wände, Verkleidung oder Dekor, um zu sehen, was den Raum wirklich ausmacht. 

Judith Haase: Für das Restaurant Beets & Roots (E, F) haben wir den Bestand zunächst komplett entkernt. Jetzt sieht man die nackten Betonwände und die Fugen der Fertigteilelemente. Die neuen Fliesen bedecken die Wand nur zur Hälfte. Man kann also sehen, wie dick die Fliesen sind, wie stark sie eingefärbt sind, man kann erkennen, dass es Zementfliesen sind. Die hinzugefügten Elemente wollen nichts verstecken, sie weisen eher darauf hin, was da ist. Dadurch werden sie zum festen Bestandteil der Architektur (Seite 13).

Pierre Jorge Gonzalez: Das gilt auch für das Interieur. Wir versuchen, es so zu modifizieren, dass es zwar noch nicht als Raum, aber auch nicht mehr wirklich als Einrichtungselement zu identifizieren ist. Auf jeden Fall lassen wir es in einen Dialog mit seiner architektonischen Umgebung treten.

DETAILinside: Für die Ausstellung Assembling entwickelten Sie ein raffiniertes Wandsystem, das die Exponate in ungewohnter Umgebung zeigte.

Pierre Jorge Gonzalez: Wir wollten eine Trennung suggerieren, ohne den Raum wirklich zu unterteilen. Mithilfe einfacher Ständerprofile aus dem Trockenbau entstand ein teilweise durchlässiger »Vorhang«, der den gezeigten Designobjekten ausweicht, indem er sie einfallsreich umspielt (H, I). Seine physische Präsenz gab gleichzeitig einen Weg durch die Ausstellung vor.

DETAILinside: Die Möbelklassiker aus dem 20. Jahrhundert wurden nicht einfach nur gezeigt…

Judith Haase: Das stimmt. Einige Möbel hatten wir aufgehängt, mehrere Eames-Hocker zu einer Säule gestapelt (Seite 61) und den Hamlet-Stuhl von Robert Wilson in die Metallstruktur integriert.

Pierre Jorge Gonzalez: Das Wandsystem erzeugte eine Art gleichberechtigten Kontext. Letztlich geht es darum, für welche Ausstellungsform man sich entscheidet. Im Kunstbetrieb hat man oft die Vorstellung, dass der Raum die Kunst nie stören darf. Wir wollten das Gegenteil zeigen. Ins Blickfeld ragende Metallelemente zwingen dazu, das Objekt von einer anderen Seite aus zu betrachten. Diese ungewohnte Perspektive ist vielleicht sogar die Bessere.

DETAILinside: Was fasziniert Sie am Thema Licht?

Judith Haase: Robert Wilson sagt: »Ohne Licht gibt es keinen Raum.

Pierre Jorge Gonzalez: Im Mittelpunkt unserer Arbeit steht die Frage, wie man mit Kunstlicht einen Raum schafft, der vollkommen klar ist. Wir bevorzugen Lichtsysteme, die den Hauptelementen der Architektur entsprechen, so als wäre das Licht für immer da. Genau wie das statische System begreifen wir das Licht als raumbildendes Element. Wir setzen es ein wie eine gleichmäßige, fest integrierte Schicht: Wenn man es wegnimmt, ist das Gebäude nicht mehr da.

DETAILinside: Für die Galerie Berinson waren Sie bereits zweimal an verschiedenen Orten tätig. Wodurch unterscheiden sich die beiden Lichtkonzepte?

Pierre Jorge Gonzalez: Im Prinzip übertragen wir den gleichen Grundgedanken auf zwei völlig unterschiedliche räumliche Situationen. Insbesondere im Altbau in der Schlüterstraße (J, K) hätte eine räumlich individuelle Lösung zu einem unbefriedigenden und fragmentarischen Gesamtergebnis geführt. Wir haben deshalb ein Lichtsystem entwickelt, das die räumliche Trennung überwindet. In regelmäßigen Abständen installierten wir optisch durchlaufende Führungsschienen, losgelöst von der jeweiligen Grundrissanordnung der Wände. In gewisser Weise übernimmt nun das Licht eine ordnende und raumbildende Funktion. Diese Einheitlichkeit war uns wichtig.

DETAILinside: Gehen Sie die Lichtplanung im musealen Kontext anders an als beispielsweise im Ladenbau?

Pierre Jorge Gonzalez: Das macht für uns keinen Unterschied. Egal, ob es sich um Bilder oder Produkte handelt, wir lehnen es generell ab, Objekte besonders hervorzuheben. Spots haben etwas Altmodisches, sie erzeugen eine Art Dämmerlicht. Wir mögen es eher kontrastarm und finden es wichtig, einzelne Gegenstände nicht zu isolieren, sondern den sie umgebenden Raum erlebbar zu machen.

Judith Haase: Unseren ersten Modeladen konzipierten wir wie eine Galerie. Um sich besser auf die ausgestellte Kleidung konzentrieren zu können, verbargen wir alle technischen Elemente wie Steckdosen oder Schalter.

DETAILinside: Dieser Shop für Andreas Murkudis war Ihr Einstieg in die Thematik Concept Store.

Pierre Jorge Gonzalez: Normalerweise geht es in diesem Kontext darum wiedererkennbar zu sein, eine unmittelbare Verbindung zur Marke herzustellen. Murkudis ist jedoch keine Marke. Es ist eher ein kuratierter Kunst-Raum mit Waren, ein Raum, der nichts vortäuschen oder schönfärben will, sondern als räumlich prägnante Einheit unter gleichmäßigen Lichtbedingungen funktioniert (L, M).

DETAILinside: Die fabrikmäßig anmutende Raumgestaltung in der kürzlich fertiggestellten Boutique für Balenciaga in Paris liefert einen größtmöglichen Kontrast zur Designerkleidung (N, O).

Judith Haase: Das ist auch gut so. Sie bildet einen starken und ruhigen Hintergrund für die Kleidung. Normalerweise geht es beim Branding darum, einen Raum mit möglichst viel Aufwand auszugestalten.

Pierre Jorge Gonzalez: Niemand macht sich Gedanken um den Raum selbst oder um zukünftige Entwicklungen. Balenciaga-Designer Demna Gvasalia und auch wir sehen unsere Aufgabe jedoch darin, die Dinge voranzutreiben und ungewöhnliche Ideen zuzulassen.

DETAILinside: Sie spielen also mit der Irritation?

Pierre Jorge Gonzalez: Mode kann ziemlich langweilig sein — oder aber als Kunstform inszeniert werden. Wenn das Kunstwerk jedoch selbsterklärend ist, wird es schnell uninteressant, weil es keine Perspektiven eröffnet.

DETAILinside: Man sagt Ihren Arbeiten auch den Charme des Unfertigen nach.

Pierre Jorge Gonzalez: Räume müssen flexibel sein. Die meisten Oberflächen sind sowieso industriell hergestellt. Sie sollen weder teuer noch kompliziert zu verarbeiten sein. Daraus resultieren allerdings auch viele Freiheiten: Der Entwurf bleibt offen für Potenziale, Fortschritt oder Veränderung. Das ist sehr wichtig.

Judith Haase: Für mich ist das auch eine grundsätzliche Lebenseinstellung. Dauerhaftigkeit in den Vordergrund zu stellen würde für mich Stillstand bedeuten.

Pierre Jorge Gonzalez: Es ist angenehm, sich in Räumen aufzuhalten, in denen man keine Angst haben muss, sie schmutzig zu machen. Veredelte Oberflächen verpflichten dazu, sie zu erhalten. Wir suchen nach gegenteiligen Lösungen. Das eröffnet die meisten Möglichkeiten, alles andere bedeutet Einschränkung.

  • Stroh

    Die Professur für Kreislaufgerechten Holzbau am Karlsruher Institut für Technologie (KIT) präsentiert dieses umfassende Nachschlagewerk zum nachhaltigen Bauen mit Stroh. Stroh bietet großes Potenzial für eine klimagerechte Baukultur: Es ist regional verfügbar, kostengünstig, CO2-speichernd und vollständig kreislauffähig. Die Publikation vermittelt Wissen über konstruktive, rechtliche und gestalterische Möglichkeiten auf nachvollziehbare, kritisch reflektierte und praxisnahe Weise. Sie dokumentiert Ergebnisse aus Lehre und Forschung, beleuchtet realisierte Projekte und zeigt konstruktive Prinzipien, Detaillösungen sowie gestalterische Potenziale. Hochwertige Fotografien, Pläne und Grafiken vermitteln die Inhalte anschaulich.