Diskussion: Lernen von Ascoli Piceno - eine Stadt aus einem Guss

Monolithische Gebäudehüllen liegen im Trend. Nach Jahren des »Anything goes« verlassen sich immer mehr Architekten auf eine begrenzte Anzahl an Materialien und Oberflächen, um ihren Gebäuden Kraft und Atmosphäre zu verleihen. Archaische Einfachheit und Konzentration auf das Wesentliche werden auch in der Architektur Bestandteil des »Simplify your life«. Die Diskussion lässt sich auf die städtbauliche Ebene erweitern: Wieviele verschiedene Materialien verträgt eine Stadt? Wo ist die Grenze zwischen lebendiger Vielfalt und orientierungslosem Chaos? Im 20. Jahrhundert gab es immer wieder Versuche, neuen Quartieren mit einheitlichen Materialien eine eigene Identität zu geben: die Travertinoberfläche des Quartiers EUR in Rom der 30er-Jahre, die Sichtbeton-Hauptstadt Chandigarh aus den 50er-Jahren und die Terrakottafassaden des Potsdamer Platzes in Berlin aus den 90er-Jahren. Während diese Beispiele zeitlich auf eine kurze Periode beschränkt blieben, gibt es in Mittelitalien eine Stadt, in der die gesamte 2000 Jahre dauernde Geschichte in nur einem Material bis heute ablesbar ist: Ascoli Piceno, die »Stadt des Travertin«. Bereits vor den Römern hatten sich hier die Picener angesiedelt, benannt nach dem Specht »Picchio«, der ihnen die strategisch günstige Lage auf einem dreiseitig durch Schluchten gesicherten Felsplateau gezeigt haben soll. Nicht nur die zwei Spechte, die den Besucher am Stadteingang auf Säulen sitzend begrüßen, sind aus Travertin. Der poröse kalkhaltige Naturstein zieht sich seit der Römerzeit wie ein Teppich über Brücken, Türme, Theater, Kirchen und Paläste aus allen Stilrichtungen und Epochen. Das Wort »Teppich« stimmt eigentlich nicht, denn bis zum 20. Jahrhundert wurde hier jeder Bau massiv gemauert.

Diskussion: Lernen von Ascoli Piceno -  eine Stadt aus einem Guss

Für die Picener ist »ihr« Stein kein gewöhnlicher Travertin. Seine Qualitäten liegen in der hellen neutralen Farbigkeit und der Konsistenz, die je nach Steinbruch offenporig oder dicht gewählt werden kann. Durch die neutrale Oberfläche verwandelt sich die ganze Stadt je nach Lichtstimmung. An bedeckten Wintertagen wirken die Oberflächen weiß wie der Schnee auf den benachbarten Sibillinischen Bergen. An Sommerabenden scheinen sie die warme Abendsonne nicht zu reflektieren, sondern in sich aufzusaugen, um selbst von innen zu leuchten. Und bei strahlend blauem Himmel wirken die Fassaden kühl und unnahbar.

Diese Eigenschaft macht selbst die engsten »rue«, wie die Picener ihre Gassen nennen, zu effektvollen Lichtfängern, die man als Besucher neugierig erkundet.

Charakteristisch ist auch der Klang in der Stadt, wo trotz der steinernen Oberflächen kein aufdringliches Hallen zu hören ist. An einer Stelle wird dieser Klang sogar wie ein Musikinstrument inszeniert. Beim Betreten der Kirche San Francesco streichen die Gläubigen im Vorbeigehen mit den Fingern über die dünnen Travertinsäulen des Eingangsportals und entlocken dem Stein harmonische Töne wie mit den Saiten einer Harfe. Deutlich sichtbar ist dieses Jahrhunderte alte Ritual an den tiefen Kerben, die unzählige Berührungen hinterlassen haben und den weichen formbaren Charakter des Materials veranschaulichen.

Die Vielfalt der Stadt entsteht aus der ständigen Spannung zwischen kargen Mauerflächen und sparsamen, aber wirkungsvoll gesetzten filigranen Details. Neben den verschwiegen wirkenden Geschlechtertürmen (Abb. 1) nimmt sich die Platzfassade des Palazzo del Popolo wie eine Architecture Parlante aus, die eine mehr als dreihundert Jahre alte wechselvolle Geschichte aus Zerstörungen, Umbauten, Ergänzungen in einem einzigen Material erzählt. Selbst das Ziffernblatt der Uhr ist ganz aus Travertin (Abb. 4). Mit ihren zahlreichen Brüchen, unterschiedlichen Maßstäben und Überlagerungen von Zierleisten, Wappen und Skulpturen erschien die Komplexität dieser Fassade selbst Robert Venturi so außergewöhnlich, dass er sie 1966 in seinem Standardwerk der Postmoderne »Komplexität und Widerspruch« gewürdigt hat.

Das Weiterbauen über Jahrtausende hinweg mit dem selben Material kann am eindrucksvollsten an der Kirche San Gregorio Magno studiert werden. Kannellierte Säulen mit korinthischen Kapitellen und Außenwände aus Opus reticulatum, einem diagonalen Mauerwerksverband aus kleinformatigen quadratischen Steinen, deutet unmissverständlich darauf hin, dass es sich bei der christlichen Kirche um den Umbau eines römischen Tempels aus dem 1. Jahrhundert vor Christus handelt. Wie selbstverständlich ist die romanische Frontfassade mit ihren großen glatten Quadern in die antike netzartige Struktur integriert.

Zum gestalterischen Reichtum vieler Fassaden tragen die unterschiedlichen konstruktiven Lösungen der Türstürze bei. Breite Travertinquader drohen in Feldmitte unter der Last der Außenwand zu brechen. In der Romanik wurden deshalb Kragsteine auf dem eigentlichen Sturz versetzt, die den Druck mit schmalen Abstandschlitzen von der Balkenmitte fernhalten und in die Auflager umlenken (Abb. 7). Die Gotik bevorzugte nach dem gleichen Prinzip kunstvolle hohe Entastungsbögen (Abb. 8). Im Manierismus wurde die Last mit scheitrechten Stürzen aufgenommen und in Form plastisch akzentuierter Bossensteine zur Texturierung der sonst glatten Wand genutzt (Abb. 9). Für die typischen Kreuzgratgewölbe eignet sich das Material aufgrund seines geringen Gewichts sehr gut, die Verarbeitung ist jedoch aufwändig und anspruchsvoll, da jeder Stein individuell dreidimensional zugehauen werden muss. Abgesehen von wenigen Palästen und Kirchen sind deshalb die Gewölbe mit standardisierten Flachziegeln gemauert, Decken und Dachstühle aus feuchtigkeitsresistentem Kastanienholz oder Eiche.

Im morgendlichen Streiflicht kommt das »Lavatoio«, ein »Waschsalon« aus dem 16. Jahrhundert, am besten zur Geltung. Etwas verborgen außerhalb der Altstadt liegt es von der Straßenkreuzung zurückgesetzt einen Meter abgesenkt (Abb. 2). Architektonisch und städtebaulich ist diese Zweckarchitektur in einer Arkade hervorragend in die unmittelbare Umgebung einer benachbarten Kirche integriert. Wie in einer Kapelle unter Kreuzgratgewölben werden hier die Quelle, die Wasserspeier, Rinnen, Tröge, die diagonal geschnittenen Waschsteine und selbst die Kanaleinläufe mit dem hochwertigen Stein zelebriert. Durch seine raue poröse Oberfläche ist Travertin ideal geeignet als dauerhaftes robustes Waschbrett; jahrhundertelanges Scheuern hat die Waschsteine jedoch inzwischen glatt poliert. Heute erscheint uns die Anlage eher wie eine moderne Kunstinstallation, aber noch bis vor 20 Jahren konnte man an den vier Trögen mit je sechs Waschplätzen die Frauen beim Waschen sehen. Das unbestritten markanteste Bauwerk der Stadt hat ebenfalls in der reinigenden Kraft des Wassers seinen Ursprung. Es ist das Baptisterium aus dem 11. Jahrhundert, das als eines der herausragendsten Bauwerke in ganz Italien eingestuft wird. Der klare scharf geschnittene quadratische Bau wird nach oben zum Achteck mit Blendarkaden, innen ist das zentale Taufbecken unter der Kuppel sichtbar. Im Gegensatz zu Florenz, Pistoia oder Parma nehmen sich die Dimensionen eher bescheiden aus, doch die Proportionen sind von vergleichbarer Vollkommenheit. Weder innen noch außen gibt es Fresken, Intarsien oder Applikationen. Der Bau wirkt in seiner steinernen archetypischen Reinheit fast wie ein Pavillon von Aldo Rossi. Der »Tipo«, der unterschiedliche Typus der Gebäude, wie ihn Rossi in seiner »Geschichte der Stadt« 1978 definiert hat, kommt in seinem Modellcharakter aufgrund der einheitlichen Oberflächen in Ascoli Piceno besonders deutlich zum Ausdruck, da weder verschiedene Farben noch eine Differenzierung in mehrere Materialien das Gesamtkonzept der Baukörper überlagern oder verwässern.

Durch die fast grafische Klarheit scheint es beinahe, als hätte sich der Renaissancearchitekt Sebastiano Serlio für die oft zitierten Kupferstiche »Tragische Szene« und »Komische Szene« seines »Trattato d‘architettura« die theatralischen Perspektiven von Ascoli Piceno zum Vorbild genommen. Die Piazza Arringo erinnert mit dem Baptisterium, der Domfassade und den Pferdebrunnen an die Magie einer Szene der »Pittura metafisica« von Giorgio de Chirico (Abb. 10). Geradezu heiter wirkt dagegen die Loggia dei Mercanti, eine große Arkade, deren Wände, Böden und warme Sitzbänke durch ihre wohnliche Atmosphäre gerne zum Nachmittagsplausch aufgesucht wird – eine Zirbelstube aus Stein (Abb. 13).

Während die alten Römerstraßen, die in manchem Untergeschoss unter einem Glasboden ausgestellt werden, aus großen Blöcken bestehen, sind die mittelalterlichen Pflaster ca. 40 x 40 cm groß. Als Straßenbelag wurde Travertin von dem härteren dunklen Arenaria-Gestein verdrängt, das neben den Travertinsteinbrüchen auf dem gegen-überliegenden Ufer des Tronto abgebaut wird. So wirken in vielen Gassen und unter den Arkaden die eckigen glattpolierten Gehweg- und Rinnensteine aus Travertin wie moderne helle Leitlinien beiderseits der dunklen Fahrbahn (Abb. 12.

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts wurde Travertin aus Ascoli sogar bis nach Ägypten exportiert. Der ägyptische Sultan Fuad I. holte sich den Picener Ernesto Verrucci als Hofarchitekten und ließ ihn neben Schulen, Theater- und Verwaltungsgebäuden sogar seinen königlichen Palast in Travertin gestalten. Da in Italien seit der Antike Travertin im großen Maßstab abgebaut wird, das Wort leitet sich von Lapis tiburtinus ab, »der Stein aus Tivoli«, sind dort in der Nähe von Rom die berühmten Vorkommen fast völlig erschöpft. Auch der größte Teil des um Ascoli Piceno verarbeiteten Travertin wird inzwischen aus dem Ausland importiert. Aber weder der rötliche Travertin aus dem Iran noch das graue kanadische Material erreichen die Ausstrahlung des Picener Travertin. Die alten Steinbrüche direkt über den Dächern von Ascoli mussten aus Umweltschutzgründen geschlossen werden oder weil sie unwirtschaftlich geworden sind, da die Abbaumethoden auf Handarbeit beruhten, modernes Gerät fehlte und die Arbeitslöhne in den letzten Jahrzehnten rasant gestiegen sind. Heute liegen die letzten aktiven Steinbrüche bei Acquasanta, einem Thermalbad, etwa 18 km nördlich der Stadt. Das gleichzeitige Vorkommen von Travertin, Vulkanismus und Heilquellen liegt in dessen Entstehung durch die Ablagerung von Kalk begründet. Im türkischen Pamukkale oder den Mamouth Hot Springs im Yellowstone-Nationalpark kann die Gesteinsbildung in großen natürlichen Terrassen noch mitverfolgt werden. Die Poren bilden sich durch eingeschlossene Pflanzen, die mit der Zeit zerfallen. Beeindruckend ist der Anblick der mehrere Geschosse hohen Abschnittkanten im Steinbruch von Luigi Cardi, die mit ihren meterbreiten Rissen und Adern wie abstrakte Gemälde der Erdgeschichte wirken oder wie überdimensionale Scheiben von Gorgonzolakäse.

Ascoli Piceno ist noch nicht lange die strahlend hell herausgeputzte Stadt, die wir heute sehen. In den 60er- und 70er-Jahren des 20. Jahrhunderts drohten ganze Straßenzüge in der Altstadt einzustürzen. Bis Anfang der 80er-Jahre blieben die hellen Fassaden unter einer millimeterdicken schmierigen Schicht aus Rußpartikeln von den Abgasen der Autos und des Karbonwerks nahe des Stadtzentrums zugedeckt, bis die Verantwortlichen handelten. Von 1980 bis 2008 wurden in der gesamten Provinz Marken Sanierungsmaßnahmen großzügig gefördert. 1990 erstellte die Stadt einen Masterplan für die Altstadt mit zusätzlichen finanziellen Anreizen. Die entscheidende Finanzspritze kam aber 1997 als Folge des großen Erdbebens, das die gesamte Provinz erschüttert hatte. Während viele Gebäude in Städten wie Assisi einstürzten, blieb das Ausmaß der Schäden in Ascoli meist auf Risse begrenzt. Hohe Entschädigungszahlungen wurden trotzdem bewilligt und halfen nicht nur dabei, sämtliche der über 20 Kirchen zu restaurieren. Dabei gestaltet sich die Sanierung von Travertinfassaden oft als heikel. Sonia Calvelli und Aleandro Orsini haben ihr Architekturbüro arch.doc mitten in der Altstadt und sind Spezialisten in Sachen Travertinsanierung: »Der schwarze Dreck auf den Wänden war so zäh, dass viele Firmen versucht haben, ihn mit einem groben Sandstrahler zu entfernen. Darunter litten die feingliedrigen Details und die aufgeraute Oberfläche wurde noch anfälliger für Luftschadstoffe. Jetzt versuchen wir, zumindest die filigranen Reliefs und Verzierungen nur mit Wasser und einer Spezialpaste sorgfältig von Hand abzuwaschen.« Auch bei der Fugensanierung wird inzwischen mehr Rücksicht auf die ursprüngliche Oberflächenstruktur genommen und zur Trockenlegung der Wandsockel werden nicht mehr ganze Wände geschlitzt, sondern ein behutsames Injektionsverfahren angewandt. Energetische Sanierung ist auch hier ein großes Thema. Dabei überraschen die klimatischen Eigenschaften von Travertin. Ab einer Wandstärke von 50 cm ist auch heute noch keine zusätzliche Wärmedämmung erforderlich, da die Lufteinschlüsse in den Steinporen die Räume im Winter vor Kälte und im Sommer vor der Hitze schützen.

Als Gretchenfrage der Restauratoren gilt inzwischen: Waren wirklich alle heutigen Natursteinfassaden in Ascoli ursprünglich »travertino a vista«, Sichtmauerwerk? »Im 18. und 19. Jahrhundert gab es eine starke Mode hin zu polychromen verputzten Fassaden, auch hier in Ascoli« berichtigt Stefano Papetti, Direktor der überregional bedeutenden Pinakothek der Stadt und Herausgeber eines in Kürze erscheinenden Buchs über die Geschichte Ascolis1. Der Travertin vieler Fassaden, der heute mühsam und oft sogar auf Anregung des Denkmalamts als historisches Sichtmauerwerk restauriert wird, war ursprünglich »intonacato«, hinter dicken Putzschichten verborgen. Dabei ist die ursprüngliche Oberfläche relativ einfach an der Qualität des Mauerwerks abzulesen. Präzise geschnittene Quader und durchlaufende gerade Fugen deuten auf »travertino a vista«. Dicke Mauern können zwischen den scharfkantigen Außenschalen durchaus mit minderwertigem Material aufgefüllt sein. Tritt dieses heterogene Steingemenge mit vereinzelten roten und gelben Ziegeln als Höhenausgleich in der Läuferschicht sichtbar an der Fassade in Erscheinung, war diese mit Sicherheit verputzt. Schon fast eine Kuriosität der damaligen Putzmode ist der »travertino finto« des Stile Liberty, der italienischen Ausformulierung des Jugendstils. Ähnlich der Stucco Lustro-Technik wurde auf die massiven Travertinmauern ein Putz aufgebracht, der mühevoll bemalt, gespachtelt und geschliffen mit einer täuschend echt wirkenden Travertinoptik versehen wurde. Angesichts der Masse an Sichtmauerwerk handelt es sich jedoch nur um seltene Ausnahmen.

Im Januar 2009 hat eine Gruppe um Stefano Papetti Ascoli Piceno als »Città di Travertino« für die Eintragung in die Liste als Weltkulturerbe bei der Unesco vorgeschlagen. Der Stadt bleibt zu wünschen, dass sie im Falle einer Aufnahme nicht zu einem Freilichtmuseum für Touristen wird, sondern ihren ursprünglichen vitalen Charakter behält.

  • Stroh

    Die Professur für Kreislaufgerechten Holzbau am Karlsruher Institut für Technologie (KIT) präsentiert dieses umfassende Nachschlagewerk zum nachhaltigen Bauen mit Stroh. Stroh bietet großes Potenzial für eine klimagerechte Baukultur: Es ist regional verfügbar, kostengünstig, CO2-speichernd und vollständig kreislauffähig. Die Publikation vermittelt Wissen über konstruktive, rechtliche und gestalterische Möglichkeiten auf nachvollziehbare, kritisch reflektierte und praxisnahe Weise. Sie dokumentiert Ergebnisse aus Lehre und Forschung, beleuchtet realisierte Projekte und zeigt konstruktive Prinzipien, Detaillösungen sowie gestalterische Potenziale. Hochwertige Fotografien, Pläne und Grafiken vermitteln die Inhalte anschaulich.