Magazin: Das Passivhaus: Auslauf- oder Exportmodell?

Vor 20 Jahren ließ eine Bauherrengemeinschaft in Darmstadt das erste Passivhaus errichten. Seither wurden die Energieverordnungen in der Architektur sukzessive verschärft, doch der Grenzwert für Passivhäuser ist gleich geblieben: 15 kWh Heizenergie je Quadratmeter und Jahr dürfen sie höchstens verbrauchen. Bis zu diesem Energiestandard, so die Überlegung, lassen sich Gebäude allein über die Zuluft temperieren und benötigen kein zusätzliches Heizsystem. Bei niedrigeren Dämmstandards wäre eine Zuluftheizung allein nicht mehr ausreichend, um ein komfortables Innenraumklima zu gewährleisten. Das Passivhaus Institut in Darmstadt schätzt die Zahl der weltweit errichteten Passivhäuser auf 17 500, davon allein 13 000 in Deutschland. Angesichts von rund 200 000 Wohneinheiten, die hierzulande jährlich fertiggestellt werden, ist sein Anteil an der Bautätigkeit also eher ideell denn wirklich spürbar. Doch das Passivhaus ist eine der Zielmarken geblieben, auf die sich die Baugesetzgebung mit ihren Grenzwerten für den Gebäude-Energiebedarf zubewegt.

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Gemeindezentrum in St. Gerold/Österreich cukrowicz.nachbaur architekten © Hanspeter Schiess

In Deutschland und Österreich hat das Passivhaus seine Pionierphase inzwischen hinter sich. Ähnlich strenge Energiestandards sind in der Schweiz (Minergie-P) und Norditalien (KlimaHaus Gold) erprobt. Darüber hinaus gibt es zahlreiche Das Passivhaus – Auslauf- oder Exportmodell? The passive house – an outdated concept or suitable for export? Jakob Schoof Passivhäuser in Belgien, Skandinavien und Tschechien sowie erste Projekte in Frankreich, Großbritannien, Irland, Spanien, Südafrika und den USA. Der Passivhausstandard ist zum Exportartikel geworden, wobei oftmals Bauherren oder Architekten aus dem deutschsprachigen Raum die Pionierarbeit leisten. Jüngstes Beispiel ist das »Österreichhaus«, das der Wiener Architekt Martin Treberspurg für die Olympischen Winterspiele im kanadischen Whistler geplant hat. Einen Überblick über realisierte Passivhäuser in fast 20 Ländern vermittelt die Website www.passivhausprojekte.de. An eine vollständige Erfassung ist jedoch nicht zu denken: »Passivhaus« ist kein geschützter Begriff, und nur rund jedes zehnte Passivhaus wurde bislang vom Passivhaus Institut oder seinen Lizenznehmern zertifiziert. Die Zertifikate sind nicht verpflichtend; sie dienen dazu, Bauherren Gewissheit zu verschaffen, dass ihr Gebäude die angestrebte Energieeffizienz tatsächlich erreicht. Durchgesetzt hat sich der Passivhausstandard jedoch als Vorgabe für bestimmte Bauaufgaben in einzelnen Regionen: In Frankfurt müssen seit 2007 alle stadteigenen oder städtisch genutzten Gebäude, Neubauten ebenso wie Sanierungen, Passivhausstandard erreichen oder zumindest anstreben. Die Stadt Wels in Österreich hat einen ähnlichen Beschluss 2008 gefasst. In Vorarlberg ist der Standard seit 2007 für alle öffentlich geförderten Sozialwohnungsbauten bindend. Die Region ist damit zu einem interessanten Experimentierfeld geworden, wie sich Passivhäuser auch mit beschränkten Budgets realisieren lassen. Auch im Mittelmeerraum finden Passivhäuser zunehmend Anhänger. Denn einer Studie des Passivhaus Instituts zufolge sind Passivhäuser auch in heißen Regionen prinzipiell sinnvoll. Sie schützen nicht nur vor Kälte, sondern auch vor Überhitzung, wenn gewisse Grundsätze beachtet werden. Eine bewegliche, idealerweise automatisch gesteuerte Verschattung ist im Mittelmeerraum unverzichtbar; eine hohe thermische Speicherkapazität und ein heller Gebäudeanstrich sind hilfreich. Überdies ist der Passivhausstandard leichter zu erreichen als in Mitteleuropa: Auf Dreifachverglasungen kann (und sollte sogar) verzichtet werden; Dämmstärken müssen je nach Region nur zwischen 10 und 20 cm liegen.

Das Für und Wider von Passivhäusern

Lange haben Passivhäuser gebraucht, um das Vorurteil zu überwinden, sie »rechneten« sich nicht. Inzwischen liegen die reinen Baukosten in Deutschland laut Passivhaus Institut nur noch 5−8% über dem Durchschnitt. In Ländern, die weniger Erfahrung mit dem Bau von Passivhäusern besitzen, sind die Mehrkosten jedoch deutlich höher. Dennoch gewinnt der Passivhausstandard ausgerechnet bei all jenen Sympathien dazu, die an einfachen Lösungen interessiert sind – etwa in der Wohnungswirtschaft. Denn die Vorgaben der Gesetzgebung werden zunehmend komplizierter. Der britische »Code for Sustainable Homes« etwa schreibt für Neubauten ein Punktesystem in neun Kategorien – vom Wasserverbrauch bis zur gesundheitlichen Unbedenklichkeit von Baumaterialien – vor. Energieverbräuche werden in diesem Gesetzeswerk in CO2 1 -Emissionen umgerechnet. So fortschrittlich der Code damit ist, so kompliziert ist seine Handhabung – und so vertraut mutet für viele bereits der Passivhausstandard an, der sich allein auf Maßzahlen wie U-Werte und Heizenergieverbräuche bezieht. Gerade dies ist jedoch der Grund, warum der Passivhausstandard nicht das ausschließliche Kriterium künftigen nachhaltigen Bauens sein kann. Während Zertifizierungssysteme wie LEED oder BREEAM alle Nachhaltigkeitsaspekte eines Gebäudes zu bewerten suchen, ist das Passivhaus in 20 Jahren keinen Deut von seiner bauphysikalischen Fokussierung abgerückt. Weiterentwicklungen wie die Zusatzoption »Eco« des Schweizer MinergieStandards, die Innenraumklima, Tageslicht und die Ökologie von Baustoffen bewertet, existieren beim Passivhausstandard nicht. Auch die Verwendung erneuerbarer Energien fließt nur teilweise in die Passivhaus-Bilanz ein. Zwar existiert ein Grenzwert von 120 kWh/m2a für den Primärenergiebedarf inklusive Haushaltsstrom, doch dieser ist vergleichsweise wenig ambitioniert und berücksichtigt auch Energiegewinne − etwa aus Solarstrom − nicht. In Deutschland spricht vieles dafür, dass passivhaustaugliche Gebäudehüllen und mechanische Lüftung im Neubau bald allgemein üblich werden. Weiter gehende energetische Verbesserungen wären nur noch mithilfe erneuerbarer Energien erreichbar. Sie dürften auch im Hinblick auf die Neufassung der EU-Gebäuderichtlinie immer wichtiger werden, die ab Ende 2020 nur noch Neubauten mit »Fast-Nullenergiestandard« zulässt. Im dann absehbaren Boom der Dämmstoffe und Energietechniken bliebe für Architekten vor allem eine Aufgabe: all jene Aspekte des Bauens in Erinnerung zu rufen, die nicht direkt Teil der Energierechnung sind, aber einen wesentlichen Einfluss auf die Zukunftsfähigkeit der Architektur haben, wie Tageslichtqualität, Raumklima oder die Anpassungsfähigkeit von Gebäuden an die Bedürfnisse künftiger Generationen.

  • Stroh

    Die Professur für Kreislaufgerechten Holzbau am Karlsruher Institut für Technologie (KIT) präsentiert dieses umfassende Nachschlagewerk zum nachhaltigen Bauen mit Stroh. Stroh bietet großes Potenzial für eine klimagerechte Baukultur: Es ist regional verfügbar, kostengünstig, CO2-speichernd und vollständig kreislauffähig. Die Publikation vermittelt Wissen über konstruktive, rechtliche und gestalterische Möglichkeiten auf nachvollziehbare, kritisch reflektierte und praxisnahe Weise. Sie dokumentiert Ergebnisse aus Lehre und Forschung, beleuchtet realisierte Projekte und zeigt konstruktive Prinzipien, Detaillösungen sowie gestalterische Potenziale. Hochwertige Fotografien, Pläne und Grafiken vermitteln die Inhalte anschaulich.