Offenbar leidet das Verhältnis zwischen den beiden Berufen unter diesem Geburtsfehler. Der Architekt zog sich, weil der aus seiner neuen Kreativität heraus selbstbewusste Ingenieur ihn nicht allein herrschen ließ, schmollend zurück, statt mitzudenken und sich anregen zu lassen. Er griff, die Zeichen der Zeit verkennend, für das Drumherum, an dem der Ingenieur wiederum kein Interesse zeigte, in den Geschichtsbaukasten. Er dekorierte die eleganten, filigranen Bahnhofshallen und Brückenköpfe des Ingenieurs mit kitschig-prunkvollen Fassaden und bombastischen Türmen. Der Ingenieur dagegen nutzte sein neues Wissen als Machtmittel: »Das macht man eben so, sonst hält es nicht, basta!« und degradierte sich so zum Statiker, statt sein Wissen in alternativen Entwürfen zu entfalten und gemeinsam mit dem Architekten die ganzheitlich beste Lösung anzustreben. Müssen wir Ingenieure, um unseren Beitrag zur Baukultur zu markieren, wegen dieses Geburtsfehlers von Ingenieurbauten sprechen? Wollen wir nicht beide, Architekten und Ingenieure, dasselbe, nämlich gute Bauten, bei denen es gleichgültig ist – und meist sinnvoll durch die Aufgabenstellung definiert – was von wem stammt?
Durch den Stahlbeton vertauschten sich im Laufe der ersten Hälfte des letzten Jahrhunderts die Rollen »zugunsten« des Architekten. Mit diesem fließenden Werkstoff konnte der Architekt Formen entwerfen, die den Ingenieur hinsichtlich ihrer Berechnung vor unlösbare Probleme stellten. Während sich nämlich der Laie problemslos eine aus Beton gegossene Wohnhausdecke als Alternative zu einer Holzbalkendecke vorstellen kann, ist dies für den Ingenieur ein Riesenschritt. Für den Balken genügt statisch das Hebelgesetz, bei der ebenen Platte wird daraus eine partielle Differentialgleichung 4. Ordnung, ganz zu schweigen von der komplexen Mathematik einer Schale.
In »Raum, Zeit, Architektur« (1976) begrüßt Sigfried Giedion den Stahlbeton als den Werkstoff, der die Architektur von ihren Fesseln befreit. Ungegängelt vom Ingenieur kann der Architekt jetzt plastische Formen entwerfen. In ihnen fließen die Kräfte – mit dem grenzenlosen, demokratischen Denken des 20. Jahrhunderts korrespondierend – frei in alle Richtungen. »Die Architektur ist (jetzt) voraus und verlangt vom Ingenieur oft mehr, als er erfüllen kann.« Dass die Architekten viel besser mit »ihrem« Beton umzugehen verstanden als sie selbst, scheint wie ein Schock auf die Ingenieure gewirkt zu haben, von dem sie sich offenbar bis heute nicht erholen konnten. Nach einem kurzen Aufbäumen, gekennzeichnet durch wunderschön schwebende Stahlbetonschalen von Heinz Isler und charaktervolle Brücken von Robert Maillart, Christian Menn, Javier Manterola und Alfred Pauser, gaben sie auf. Sie wurden zu liebedienerischen Sklaven der Architekten, die alles hinrechnen, was jenen aus dem 6B-Stift fließt, ohne zu merken, dass ein wirklich souveräner Architekt sich gerne durch eine gute Konstruktion »disziplinieren« lässt und den Ingenieur als Entwurfspartner sucht. So gingen Form und Konstruktion zunehmend getrennte Wege, obwohl sie zusammengehören, wie die Flüssigkeit und das Gefäß, die Musik und der Takt, der Tanz und der Rhythmus.
Aberwitzig ist die heute etablierte Auffassung, dass der Architekt für den Entwurf und die Gestaltung, der Ingenieur für die Statik und Konstruktion zuständig sei. Dabei sind es die multifunktional komplexen sozialen Entwurfsparameter einerseits und die unifunktional technischen andererseits, die sie unterscheiden, aber für die Gestaltung sind sie beide auf ihrem Gebiet zuständig. So wie der Ingenieur nicht gelernt hat, ein Einfamilienhaus ganzheitlich zu entwerfen, fehlt dem Architekten das Wissen für einen Brückenentwurf. Sie würden in Zeitschriften blättern, wiederholen, was längst da war, es höchstens variieren und dekorieren. Deshalb steht der alte Universalbaumeister nicht mehr zur Diskussion, wenn wir uns nicht mit Mittelmaß auf allen Ebenen abfinden wollen. Eine echte Zusammenarbeit kann bei der heutigen Vielfalt des notwendigen Wissens nur gelingen, wenn beide einander zuhören und Anregungen aufnehmen.
So begrüßten wir Ingenieure, dass sich im letzten Viertel des vorigen Jahrhunderts in der Architektur das Verständnis von und das Verhältnis zur Konstruktion grundlegend verändert hat. »High-Tech«-Konstruktionen nutzten den technologischen Fortschritt der Werkstoffentwicklung und Fertigungstechnik und verdanken ihren Ursprung und ihre Beliebtheit dem Trend zum Sichtbarmachen des Kraftflusses: Man mag, was man versteht. Das Ergebnis zeichnet sich durch Leichtigkeit und Transparenz aus – der Druck fließt in Röhren, der Zug in Stäben oder Seilen. Dieser Ansatz bot uns Ingenieuren die Chance, mit unseren Mitteln originelle Beiträge zur Architektur zu leisten. So merkten wir nicht, oder wollten es nicht merken, wenn wir übertrieben oder uns vom Architekten zum Übertreiben verleiten ließen, die Kräfte mit möglichst vielen Gabelköpfen, Fittingen, Spannschlössern, bevorzugt aus Edelstahl, spazieren zu führen: Selbstzweck, Exhibitionismus – aus dem High-Tech-Elitären wird High-Effect-Hascherei.
In den letzten Jahren wurde der zunächst nur mit dem Argument des Leichten und Effizienten gerechtfertigte High-Tech-Ansatz mit der Ökowelle angereichert. Sie dient als willkommener Anlass, Konstruktionen mit Glas einzuhüllen, um so sonnendurchflutete Räume, Innenhöfe und Atrien zu schaffen. Natürlich kann auch hier Vernunft und Effizienz in Wichtigtuerei und Vergeudung umkippen, wenn Glasflächen sinnlos maximiert werden und es dann aller verfügbarer technischer Mittel bedarf, um diese Bauten im Hochsommer und im tiefen Winter überhaupt nutzbar zu machen. Man spricht von »energiesparenden Gebäuden« mit »intelligenter Technik« (als dürfe es auch eine dumme Technik geben) und man verdrängt, dass der Energieaufwand zur Herstellung und zum Betrieb der technischen Mittel in diesen Gebäuden die durch die passive oder aktive Nutzung der Sonnenenergie gewonnene Energiemenge übersteigt. Schuld an diesen modischen Übertreibungen haben beide Seiten: die entwerfenden Architekten und die Ingenieure, die Glasflächen unabhängig von Standort und Himmelsrichtung maximieren, dann Sonnen- und Blendschutz benötigen und als willkommenen Anlass für Doppelfassaden nutzen, ob sinnvoll oder nicht. Es sollte uns nachdenklich stimmen, dass wir diese High-Tech-Effect-Architektur nur bei den »Reichen« los werden, in Europa und in Arabien, und vor allem in Bereichen, wo Geld weniger zählt als Repräsentation, bei Banken, Versicherungen, Flughäfen, Messen, nicht dagegen im Wohnungsbau, an Universitäten, und nur vereinzelt persifliert in Gewerbegebieten, gelegentlich bei der Industrie. Deshalb muss man neben der Frage, ob diese Architektur wirklich ökologisch ist (selbst wenn sie mit aufgesetzter Photovoltaik so tut) zugeben, dass sie in hohem Maße asozial sein kann, sowohl hinsichtlich der Objekte, denen sie sich zuwendet, als auch der Mittel, die sie einsetzt. Wir müssen mehr soziales Verantwortungs- und ganzheitliches Ökologiebewusstsein üben, also Zurückhaltung und Disziplin, mehr Innerlich- als Äußerlichkeit.
Der Verfasser weiß wovon er spricht und klagt sich selbst an. Neben der kreativen Mitarbeit an den »intelligenten Bauten« der Architekten konnten die Ingenieure in den letzten Jahren auch eigene schöpferische Beiträge zur Baukultur leisten. Sie bauten weit gespannte Dächer mit Seilnetzen oder Membranen für Hallen und Stadien, filigrane Glaskuppeln für Innenhöfe und Schwimmbäder, daneben ihre »typischen« Bauaufgaben wie Brücken, Staudämme, Wasserstraßen, denn der Bauingenieur ist für die gesamte technische Infrastruktur zuständig. Wenn er sich seiner damit verbundenen kulturellen Verpflichtung bewusst ist, weiß er, dass die einzige adäquate Gegenleistung für verbaute Natur Kultur ist und dass Infrastruktur ohne Kultur Technokratie bleibt, aber dank ihr zur Zivilisation werden kann. Er weiß auch, dass er sich diesbezüglich im Brückenbau noch sehr anstrengen muss. Bis vor kurzem waren dem Ingenieur in der Statik und Fertigungstechnik noch schmerzhafte Grenzen gesetzt. Durch den fortschreitenden Computereinsatz, von der Zuschnittsermittlung über die statischen und dynamischen Berechnungen, von der CNC-Fertigung bis zur Robotermontage, ist nun alles anders geworden. Welch schöner Gedanke, dass dank dieser High-Tech-Werkzeuge die einfachen Berechnungsmethoden, die den Entwurf begleitende, handschriftliche, geistreich-transparente Zweiseiten-Kraftfluss-Statik wieder zu Ehren kommt, und dass wir so wieder ganz unbeschwert entwerfen können, weil Big Brother im Hintergrund wacht. So könnte es zu einer echten neuen Formenvielfalt kommen! Der Computer ist dumm, aber fleißig, deshalb ist es einer computergesteuerten Säge egal, ob sie lauter gleiche Stäbe oder unzählige unterschiedliche, auf Bruchteile von Millimetern genau, zusägt. Wenn daraus etwa eine Stabgitterkuppel werden soll, schnitzt eine CNC-Fräse auch die kompliziertesten räumlichen Verbindungsknoten, unabhängig davon, ob alle gleich sind oder jeder anders ist, zum selben Preis. Damit erscheinen wesentliche Teile des Lebenswerks solcher Ikonen des Bauens wie Konrad Wachsmann, Buckminster Fuller, Max Mengeringhausen und Frei Otto obsolet, die sich lange bohrend mit der Systematisierung der Raumstabwerkstrukturen auseinandergesetzt haben. Deren Bauten profitierten aber nicht nur fertigungstechnisch, sondern auch visuell von der Disziplinierung durch die Regel, von der Gelassenheit des Gleichmaßes, wie das europäische Haus vom Backstein und das japanische von der Tatamimatte. Besteht nicht die Gefahr, dass die unendliche Freiheit, die uns die moderne Fertigungstechnik bietet, in eine Beliebigkeit der Formen führt, ins visuelle Chaos? Es wächst die Versuchung, etwa bei Wettbewerben, künstlich etwas draufzusetzen um aufzufallen – eine zumindest Ingenieuren höchst unangenehme Vorstellung, besonders wenn nicht von innen nach außen entworfen wird sondern umgekehrt: zuerst eine möglichst aufregende Skulptur, um dieser am Ende eine Nutzung unterzuschieben. So übertreffen sich die selbsternannten Trendsetter mit aufgeblasenen und zerknautschten Blobs und wilden Skulpturen, ohne jeden Bezug von Form, Funktion und Kraftfluss – eine hoffentlich schnell vergängliche Mode der Spassgesellschaft. Andererseits kann es auch nicht wahr sein, dass gerade wir Ingenieure uns gegen den Fortschritt stemmen, an dem wir gleichzeitig eifrig mitstricken, ausgerechnet gegen die Automatisierung, die uns die Sklavenarbeit abnimmt.
So bleibt die Hoffnung, dass Ingenieure und Architekten beim Entwerfen weitergeben können, was wir »im Leben« immer wieder an uns selbst erfahren: dass Selbstdisziplin und ein liberales Umfeld die Eigenverantwortlichkeit und Kreativität auf lange Sicht mehr fördern, als die Abwehr äußerer Zwänge. Wir müssen uns deshalb auch gegen die Regelungsflut wehren, gegen das stupide »das macht man so«. Das schlimmste Hindernis für kreative und innovative Entwürfe ist, dass wir heute zu viel Zeit damit verbringen, nichts falsch zu machen, statt das Richtige zu tun, gedenk des Hegelzitats »., dass die Furcht zu irren schon der Irrtum selbst ist.
