Typologie: Raumkonzeptionen als Ausdruck sozialer Verhältnisse

Der Wohnungsbau erlangt innerhalb des Architekturdiskurses zunehmend an Bedeutung. Nach vielen Jahrzehnten, in denen die Anforderungen auf Effizienz, Funktionalität und Wirtschaftlichkeit fokussiert waren, befreit sich diese »erste und schwierigste« Bauaufgabe von ihrem »Schwarzbrotimage« und wird von Architekten wieder als spannendes und attraktives Aufgabenfeld entdeckt. Auch mit Wohnbauten kann man sich heute in der Architekturszene einen Namen machen. Standen seit der industriellen Revolution und während des Massenwohnungsbaus der Nachkriegszeit vielfach funktional determinierte, starre Raumdispositionen im Vordergrund, wird in den vergangenen Jahren zunehmend die Qualität des Räumlichen wiederentdeckt. Innovative Konzepte korrespondieren mit der Ausdifferenzierung der Lebensstile und so, wie sich die gesellschaftlichen Formen des Zusammenlebens ändern, diversifiziert sich auch deren räumliche Formulierung, die sich in den Grundrisstypologien manifestiert. An die Stelle von vorgegebenen, fest eingeschriebenen Raumfunktionen tritt das Situative und Mehrdeutige und damit das Verständnis, dass Räume durch die Art, wie sie bewohnt werden, durch die tätige Aneignung ihrer Nutzer individuell interpretiert und in Besitz genommen werden können.

Typologie: Raumkonzeptionen als Ausdruck sozialer Verhältnisse
Wohnturm Marco Polo Tower, Hamburg 2010; Architekten: Behnisch Architekten, Stuttgart © Roland Halbe

Geschosswohnungsbauten sind komplexe Raumgefüge. Sie bestehen aus Orten des Verweilens und Orten des Übergangs, die miteinander verbunden differenzierte öffentliche, halböffentliche und private Bereiche ausbilden. Das Gewebe der Stadt geht in das Gewebe des Hauses, »öffentlich« in »privat« über. Geschosswohnungsbauten bilden ein dichtes Beziehungsgeflecht aus Wohnungen, Erschließungsflächen, privaten und gemeinschaftlichen Freibereichen und vermitteln verschiedene Nutzungen untereinander. Auf dem Weg zur eigenen Wohnung passieren wir eine Vielzahl von räumlichen Übergängen. Der Weg führt vom öffentlichen Stadtraum hin zum Gebäude. Wir öffnen die Haustür und treten ein. Gänge, Aufzüge, Treppen und Stufen führen uns vorbei an den Wohnungen der Nachbarn bis hin zu den eigenen vier Wänden. Auch hier teilt sich der Raum in Orte des Miteinanders und Orte des intimen Rückzugs, in Gemeinschafts- und Individualräume. Schließlich nehmen wir über die Öffnungen in der Fassade und die privaten Freibereiche wieder Kontakt nach außen, zum umgebenden Stadtraum auf.

Die innere Organisation und räumliche Konfiguration ist dabei vor allem Ausdruck der gesellschaftlichen Bedingungen, in deren Kontext sie entstehen.

Lässt sich in den vergangenen Jahren mit der viel beschriebenen Renaissance der Städte ein wachsender Wunsch nach Kollektivität und Urbanität beobachten und gleichzeitig eine hohe Wertschätzung öffentlicher Räume, kommt andererseits dem privaten Raum eine zunehmend wichtig werdende Bedeutung zu. Die eigene Wohnung wird zum einen identitätsstiftenden Raum für das Individuum und dessen Selbstdarstellung. Zum anderen ist sie Ort des Rückzugs und der Entspannung, dient als Schonbereich für die Anforderungen von außen, wo man sich unbeobachtet, möglichst frei von äußeren Störungen, so geben kann, wie man möchte.

Im 20. Jahrhundert war das Wohnen vielfach gleichgesetzt mit dem Begriff der Kleinfamilie, das sich über Jahrzehnte hinweg baulich in »Drei-Zimmer-Küche-Bad« manifestierte. Der klassische, funktional optimierte Zellengrundriss war als Korridortyp organisiert mit klar zugeordneten differenzierten Funktionen, festen Raumzuschnitten und starren Raumzusammenhängen: ein schmaler Flur, von dem aus einzelne Zimmer abzweigten: Elternschlafzimmer, Kinderzimmer, Wohn- und Badezimmer, die Küche eventuell als Wohnküche, dazu ein Balkon mit einer Abmessung von meist nur ein auf zwei Metern. Die so entstandenen Räume bilden wenige Bezüge untereinander aus und ihre Nutzung ist durch die Art ihrer Möblierung stark eingrenzt. Durch die festgelegten Raumzuschnitte und die Art der Fügung zueinander – meist sind alle Räume nur über einfache Türen vom Flur aus zugänglich –, gibt es wenig Interpretationsspielraum für die Bewohner.

Die lang vorherrschende funktionale Ordnung, die sich seit den 1920er-Jahren im Wohnungsbau durchgesetzt hatte, sich im massenhaften Wohnungsbau der Nachkriegsmoderne fast standardisiert wiederholte und bis heute in den Auflagen des geförderten Wohnungsbaus nachhallt, wird vielfach abgelöst. Das Wesen des heutigen Wohnens findet sich jenseits traditioneller Familienwohnungen. Während die Moderne versuchte, gleiche Bedingungen für alle zu schaffen, antworten heute ambitionierte Projekte auf die wachsende Anzahl unterschiedlichster Lebensentwürfe mit einer Kombinatorik unzähliger Grundrisslayouts, die in Abhängigkeit von der jeweiligen Wohnvision zur großen Form zusammengefasst werden. Dabei ändert sich, wie die Räume zueinander in Beziehung stehen. Die funktionale Determinierung der Wohnräume wird zunehmend aufgegeben und es bilden sich neben den klassischen Raumkonzeptionen neuartige Verhältnisse von Gemeinschafts- und Individualräumen aus.

Die Wohnbebauung »James« von den Architekten Gmür und Geschwentner (Zürich, 2006) mit insgesamt 283 Wohnungen bietet mit 72 verschiedenen Typen ein breites Spektrum an individuellen Wohnformen, vom Ein-Zimmer-Apartment bis hin zur verschachtelten Maisonettewohnung. Für jeden Lebensstil scheint es hier das passende Angebot zu geben. War lange Zeit das Einfamilienhaus der maßgeschneiderte Anzug subjektiver Wohnwünsche, so wird dieses Phänomen heute in verdichteter Form auf den Geschosswohnungsbau in die Großstadt übertragen. Gmür und Geschwentner entwickeln in dem Züricher Projekt mit circa 15 Meter sehr tiefe Grundrisse, bei denen Treppenhäuser und Bäder in die Mitte der Baukörper wandern. An die Fassaden, die von dienenden Räumen befreit sind, werden die gemeinschaftlichen Wohnräume sowie 14 m2 große nutzungsneutrale Zimmer angeordnet. Zum Standard aller größeren Wohnungen gehören zwei Bäder, offene Küchenbereiche und großzügige private Freibereiche. Tiefe Baukörper bieten wirtschaftliche Vorteile, aber auch den Nachteil, dass es weniger attraktive, schlechter belichtete Zonen gibt. Die ausgeprägte Mittelzone aus Bädern und Treppenhäusern erzeugt in diesem Projekt jedoch keine schlauchartigen Innenräume, mit weiten Wegen und spannungslosen Innenraumsituationen. Die geschichtete Raumanordnung wird mittels weniger besonderer Eingriffe in eine beziehungsreiche Tiefe verwandelt. Großzügige Entrées empfangen den städtischen Bewohner. Sie erinnern an Wohndielen großbürgerlicher Gründerzeitwohnungen. Großes Augenmerk wurde auf die Verbindungen innerhalb der Wohnungen gelegt: Teilweise bis an die Decke gehende, raumhohe Flügeltüren bzw. einfache, zusätzlich gesetzte Verbindungstüren zwischen den Räumen lassen vielfältige Raumbezüge innerhalb der Wohnungen entstehen, ermöglichen Durchblicke und vielfach auch einen Rundweg. Somit kommunizieren die Räume auf der einen Seite der Wohnung über die Mittelzone mit den Räumen auf der anderen Seite (s. Abb. J – L).

Auch bei der genossenschaftlichen Wohnsiedlung Am Katzenbach von Zita Cotti (Zürich, 2007) werden die Wohnungen von innen liegenden Treppenhäusern erschlossen und die Bad- und Nebenraumzonen liegen überwiegend im Zentrum der 13,5 Meter tiefen gestaffelten Wohnzeilen. Bestimmend für die innere Organisation der Grundrisse ist hier jedoch eine Z-förmige Raumfigur, bestehend aus Entrée, Küche, Ess- und Wohnzimmer, die sich über die gesamte Tiefe des Gebäudes entwickelt. Durch den innenräumlichen Versatz wird die bekannte Monotonie durchgesteckter Wohnräume vermieden. Mit über Kreuz verbundenen Bereichen entstehen neuartige Bezüge. In dem Projekt von Zita Cotti kontrastiert diese fließende, aber klar begrenzte Raumfigur den privaten Bereich der Bäder und Individualräume. Stärker noch als bei dem Beispiel von Gmür und Geschwentner ist hier die Trennung von Tag- und Nachtbereich ausgeprägt: Vom zentralen Wohnraum aus führt eine Tür in einen untergeordneten Dielenraum, über den kammartig die Individualräume zu erreichen sind. Dennoch entwickelt das Grundrisslayout eine vielgliedrige Raumfolge mit dem großzügigen Wohnraum als zentralen gemeinschaftlichen Ort und Verteiler (s. Abb. E, I).

Die genossenschaftliche Wohnanlage Stähelimatt von Esch Architekten (Zürich, 2007) scheint eine Synthese der beiden oben beschriebenen Projekte zu sein. Auch hier durchmisst eine abgewinkelte Raumfolge aus Kochen, Essen und Wohnen die ganze Tiefe der beiden 15 Meter breiten Ost-West ausgerichteten Zeilen. Die Wohnungen weisen einen über die ganze Baukörpertiefe gespannten zusammenhängenden Wohnbereich auf, der durch einen Z-förmigen Versatz in die verschiedenen Bereiche gegliedert ist. Aber damit nicht genug. Die diagonale Raumfolge erweiternd, ist am äußeren Ende des Wohnraums ein weiteres Zimmer angehängt und mit diesem über eine breite Schiebetür verbunden. Dieses Zimmer lässt sich als Wohnraumerweiterung bzw. Arbeitszimmer ebenso gebrauchen wie als Schlafzimmer. Die Privatheit der Individualräume ist sehr unterschiedlich ausgeprägt und reicht von der Wohnraumerweiterung bis hin zum gänzlich abgeschirmten Zimmer mit Zugang vom Wohnungseingang und eigenem Bad, das auch als Heimbüro oder Gästezimmer genutzt werden kann. Alle Wohnräume sind untereinander verschoben angeordnet. Zusätzliche Türen erweitern die Lesarten der Räume, ihre Zuordnung zum gemeinschaftlichen oder privaten, zum Tages- oder Nachtbereich und es entstehen mehrere Umläufe und dadurch ein vielfältiges Beziehungsgeflecht, das auch die beidseitig angelagerten Loggien mit einbezieht. In dem Projekt von Esch entstehen vielgliedrige Raumfolgen, die differenzierte Übergangsräume ausformulieren und somit Rückzug und Öffnung gleichermaßen ermöglichen. Wie flexibel der Wohnungsgrundriss ist, ermisst sich weniger an der Versetzbarkeit seiner Wände als daran, wie vielfältig sich innerhalb der festen Wände leben lässt (s. Abb. F – H).

Der Grundriss von Esch evoziert einen Bewegungsfluss, der nicht nur die Innenräume, sondern auch den anschließenden Außenraum und somit die Umgebung mit einbezieht. Denn es sind nicht nur die innenräumlichen Beziehungen – die Art, wie wir miteinander wohnen wollen –, die das Layout eines Grundrisses bestimmen. Über die Grenzausbildungen zur Erschließung, den Freiräumen und der Fassade – meist durch Türen und Fenster bestimmt, nimmt die Wohnung Kontakt mit ihrer Umgebung auf. Die Fassade trennt verborgenes und offenes Leben, den Bereich des privaten Wohnens vom städtischen Raum. Sie besitzt eine doppelseitige Bedeutung. Einerseits bildet sie das Gesicht des Hauses im Kontext der Bühne Stadt, andererseits übernimmt sie den inneren Raumabschluss der Wohnung, der an den Außenraum grenzt. Somit steuert sie im Inneren der Wohnung die Beziehung zum umgebenden Außenraum und städtischen Umfeld. Wohnungslayouts sind von der Gestalt des Baukörpers, der Baukörpertypologie abhängig, die sich wiederum auf den städtebaulichen Kontext bezieht. Wir kennen die klassischen Ordnungstypologien, die mit den Grundrisstypologien im Austausch stehen. Punkt-, Zeilen- oder Blockstrukturen mit Wohnungen mit ein-, zwei oder mehrseitigen Belichtungssituationen. Ein interessantes Phänomen ist jedoch, dass sich Architekten vermehrt über die damit verbundenen Standardtypen hinwegsetzen und den Wohnungsgrundriss aus der jeweils spezifischen örtlichen Situation heraus ableiten.

Wie schon in den vorangegangenen Beispielen erlauben die Wohnungen von Meili Peter für das Wohn- und Geschäftshaus Riff Raff (Zürich, 2002), das die Ecke einer innerstädtischen Blockrandbebauung schließt, innenräumlich vielfältige funktionale und räumliche Interpretationen. Alle Räume sind sehr offen und fließend miteinander verbunden und in den meisten Wohnungen ergibt sich ein zirkulärer Weg, der auch Bäder und Küchen mit einbezieht. Die subtile Rhythmisierung verschiedenartig proportionierter Wohn- und Individual-, dienender und bedienter Räume erzeugt ein räumliches Kontinuum, das die Funktionen und Grenzen der einzelnen Räume verwischt. Das Besondere daran ist jedoch, dass der äußere Teil dieses Umgangs direkt an der städtischen Fassade entlang geführt wird und hier explizit die Bäder und Küchen angeordnet werden, Räume die es traditionell zu schützen und zu verbergen gilt, und die klassischer Weise zu den Innenhöfen orientiert werden. Meili Peter kehren in diesem Projekt ein altbewährtes Prinzip um. Verstärkt wird die Situation auch dadurch, dass die Küchen- und Badmöbel als lang gestreckte »Koch- und Waschzeilen« direkt in die großformatigen Fenster eingearbeitet sind. Durch die offenen Raumfolgen wird nicht nur die Hierarchisierung der dienenden und bedienten Räume beinah gänzlich aufgehoben, mehr noch, die großen Fenster ziehen die städtische Szenerie wie durch Lupen in die Wohnräume hinein, das Innere der Wohnung wird mit dem Raum der Stadt verwoben (s. Abb. M –O).

Auch bei dem Wohnbau von Miller & Maranta an der Zollikerstraße (Zürich, 2012) hat die Ausformulierung der Fassaden im Bezug auf den städtebaulichen Kontext einen erheblichen Einfluss auf die innere Organisation der Wohnungen. Jedoch wird das Verhältnis zwischen öffentlichem und privatem Raum hier ganz anders interpretiert, die Wohnungen erhalten einen weitaus introvertierteren Charakter. Zusammen mit der benachbarten historischen Villa und seinem südwestlich gelegenen Partnerbau bildet das Gebäude mit seinem schweren unregelmäßigen Volumen den Rand einer öffentlich zugänglichen Parkanlage. Die schweren Betonfassaden ziehen eine klare Grenze, sie dienen dem Park als Hintergrund. Das Ungewöhnliche des Baus ist die Gebäudetiefe von beinahe 30 Metern, die mit großzügigen, differenziert zonierten Grundrissen überwunden wird. Tief in das Volumen eingeschnittene Lichthöfe auf der Seite der lauten Zollikerstraße gliedern das Gebäudevolumen und ermöglichen die vielseitige Belichtung der Wohnungen. Der starke Bezug zum Park wird über großzügige, offen gestaltete Wohnbereiche mit Loggien hergestellt, eine offene verwinkelte Raumfolge durchzieht die eingeschossig organisierten Wohnungen der gemeinschaftlichen Wohnräume. Sie bildet Raumnischen und Annexe aus und an die sich Zellenartig die Individual- und Nebenräume anlagern. Verwinkelte Raumflüsse machen aus den anspruchsvollen Rahmenbedingungen – laute obere Straße, öffentlicher Park – individuelle Raumerlebnisse. Obwohl sich der Bau von Miller & Maranta durch fließende Raumfolgen in seinem Inneren auszeichnet, sind die angebotenen Räume weit weniger flexibel und »funktional elastisch«, als beispielsweise die des Baus von Esch oder Gmür und Geschwentner. Die Wohnungen erinnern an großbürgerliche Stadtwohnungen der Jahrhundertwende und stehen in der klassischen Tradition, welche die Wohnung als privaten Rückzugsort im Gegensatz zum öffentlichen Raum der Stadt versteht. Aus dem Inneren der Wohnungen ergeben sich unterschiedlichste Ausblicke und Bezüge, das private Leben bleibt aber vor allzu großer Offenheit nach außen hin geschützt (s. Abb. A, B).

Während die Bebauung an der Zollikerstraße den Schwerpunkt auf privaten Rückzug und das Projekt von Meili Peter auf Öffnung zum urbanen Umfeld legt, vereint der Wohnungsbau Neufrankengasse von EM2N (Zürich, 2013) beide Ansätze in einem Gebäude. Die Wohnungen sind ein gutes Beispiel für die gleichzeitige hohe Wertschätzung urbaner Räume und privater Rückzugsräume. Die Ausformulierung der Grundrisse ist in erster Linie eine Reaktion auf den umgebenden städtischen Kontext. Das Projekt entwickelt sich aus seiner spannungsvollen Lage zwischen zwei Extremen. Der fünfgeschossige Riegel grenzt nach Norden direkt an ein weiträumiges Gleisfeld und schließt nach Süden ein innerstädtisches Stadtquartier ab. Die geschichtete Struktur des Gebäudes reagiert in Grundriss und Schnitt auf die äußeren Rahmenbedingungen. Schlafzimmer und Loggien liegen nach Süden zum ruhigen Hof; Eingangshallen, Bäder und Ankleiden im Zentrum des Baukörpers und die Wohn- und Essbereich orientieren sich nach Norden. So können die Wohnungen sowohl von der Weitsicht und der urbanen Atmosphäre nach Norden, als auch von der ruhigen Hofseite mit den großzügigen Loggien profitieren. Mitten in der Stadt und trotz der Nähe zum Gleisfeld wird die Wohnung zu einem ruhigen Refugium.

Eine Besonderheit sind die bis zu den Loggien durchgesteckten, teilweise zweigeschossigen Wohnräume der unteren Ebenen, die das Tageslicht bis in die Tiefe des Hauses leiten und den Bewohnern nach Norden den Blick auf ein urbanes Panaroma über dem Schienenmeer freigeben. Die eigentlich nachteilige Situation – die unteren Wohnungen sind direkt dem Gleisfeld ausgeliefert –, wird so in einen räumlichen Mehrwert umgewandelt (s. Abb. C, D).

Der Wohnturm von Behnisch (Hamburg, 2010) verdeutlicht in besonderem Maße wie die Fassade zum Bezugspunkt der Grundrissorganisation wird. Seine auffällige Dynamik erhält der Neubau durch seine asymmetrisch verdrehte Form mit den von Geschoss zu Geschoss unterschiedlich ausgebildeten Grundrissen. Die 58 Luxuswohnungen wurden an die Wohnungseigentümer als Rohbauhülle übergeben, die lediglich durch ihren Zugang, einem zentralen Leitungsschacht, den Wohnungstrennwänden, der Fassade sowie der umlaufenden Schicht der privaten Freibereiche definiert war. Die verwinkelte Gebäudehülle maximiert attraktive Fassadenfläche und generiert gleichzeitig mit der Ausbildung von Nischen und Erkern differenzierte Raumfolgen. Die Fassade des Turms ist eine Oberfläche, die sich im Raum bewegt, sie stülpt sich nach innen und außen und bildet Falten aus. Sie ist keine trennende abschirmende Gebäudehülle, sondern wird selbst zu einem eigenständigen, bewohnbaren Raum (s. Abb. P – R).

Die sieben vorgestellten Projekt verdeutlichen exemplarisch, dass es im zeitgenössischen Geschosswohnungsbau die Tendenz gibt, sich komplexen Raumbezügen hinzuwenden, die das Häusliche genauso mit einbeziehen, wie das Urbane. Wie auch die weiteren in diesem Heft vorgestellten Bauten zeigen, ist zeitgenössischer Wohnungsbau vielschichtig. Dabei ist er immer dann von besonderer Qualität, wenn es dem Architekten gelingt, entsprechend der jeweiligen spezifischen Situation die adäquaten Grenzbeziehungen zwischen Individuum und Gemeinschaft, privat und öffentlich, Rückzug und Öffnung, ganz allgemein zwischen Innen und Außen auszuformulieren.

  • Stroh

    Die Professur für Kreislaufgerechten Holzbau am Karlsruher Institut für Technologie (KIT) präsentiert dieses umfassende Nachschlagewerk zum nachhaltigen Bauen mit Stroh. Stroh bietet großes Potenzial für eine klimagerechte Baukultur: Es ist regional verfügbar, kostengünstig, CO2-speichernd und vollständig kreislauffähig. Die Publikation vermittelt Wissen über konstruktive, rechtliche und gestalterische Möglichkeiten auf nachvollziehbare, kritisch reflektierte und praxisnahe Weise. Sie dokumentiert Ergebnisse aus Lehre und Forschung, beleuchtet realisierte Projekte und zeigt konstruktive Prinzipien, Detaillösungen sowie gestalterische Potenziale. Hochwertige Fotografien, Pläne und Grafiken vermitteln die Inhalte anschaulich.