Diskussion: Die Treppe - ein Spiegel der Architektur

Als zentraler Verkehrsknoten, vertikale Verbindung zwischen Ebenen, als Raum bildendes Element und einzig aus seiner Funktion heraus dreidimensionales Bauteil ist die Treppe für sich schon ein Stück Architektur. Sie ist eine eigenständig zu gestaltende Einheit, die es sorgfältig in den Organismus eines Gebäudes einzufügen gilt, ein Bauteil, das über die konstruktive Ausführungsplanung hinaus das entwerferische und gestalterische Können des Architekten fordert. An kaum einem anderen Element am Bau wird das Zusammenspiel von Form und Funktion so deutlich wie an der Treppe. Ihre Besonderheit ist, dass sie nicht nur der Erschließung dient, sondern auch das Erlebnis der aufstrebenden Bewegung bietet. Dem Benutzer werden beim Hinauf- und Hinabsteigen räumliche Zusammenhänge erschlossen, kombiniert mit dem visuellen Reiz sich ständig wandelnder Perspektiven. So wird mit der Treppe ein architektonischer Akzent gesetzt, dessen bauliche Ausformulierung von großer Bedeutung für die Qualität des gesamten Gebäudes ist. Mit ihr zeigt der Entwerfer seine architektonische Auffassung und der Bauherr seinen Geschmack. Oft ist sie ein Repräsentant der Architekturhaltung eines Gesamtbauwerks, ein Spiegel, der die durch Fassadengestaltung, Gebäudeform und Materialwahl definierte Sprache im Inneren reflektiert.

Diskussion: Die Treppe - ein Spiegel der Architektur

Zu allen Zeiten war die Treppe ein Indikator für den technischen Entwicklungsstand und die kulturelle, soziologische und auch politische Situation einer Gesellschaft. In den Ursprüngen des Bauens war sie ein bloßes Hilfsmittel zur Überwindung von Höhen, eine Steighilfe in Form von eingekerbten Baumstämmen, zusammengebundenen Leitern, von Feldsteintreppen oder gemauerten Ziegelsteinanlagen. In den antiken Hochkulturen des römischen Reichs und Griechenlands erscheint sie als monumentale Freitreppe zur Betonung von Tempeln oder Palästen der Herrscher – Bauwerke, die die gesellschaftliche und politische Vormachtstellung dieser Kulturen demonstrieren. Im Mittelalter sind Treppen nicht in den Grundriss eingebunden, sondern werden im Sakral- und auch im Profanbau als separat stehende Türme an das Gebäude angelagert.

Erst in der Renaissance rückt die Treppe als dominantes und Raum bildendes Element nach innen. In der Spätrenaissance und im Barock erlangt sie einen weit über die funktionalen Erfordernisse hinausgehenden Stellenwert. Prunkvoll und in schmuckbeladener Herrlichkeit demonstriert sie die Größe und Macht der imperialistischen Auftraggeber.

Auch heute dient sie immer noch als reine Funktionstreppe (Fluchttreppe) oder als repräsentatives Bauteil zur Selbstdarstellung des Bauherren, wird als Treppenturm, Freitreppe oder auch als Treppe zur Gestaltung von Fassaden eingesetzt. Eine Vielfalt an Materialien – Holz, Stein, Stahl, Beton oder Glas – erweitert das Repertoire an Gestaltungsmöglichkeiten zusehends. Die Folge ist, dass in den letzten Jahren verschiedenartigste Gestaltungsformen von Treppen entstanden sind, in denen sich wiederum eine Vielzahl von architektonischen Haltungen widerspiegeln. Bemerkenswert ist auch, dass sich, gefördert durch den regen Wissensaustausch unserer Informationswelt, die fortschreitende Globalisierung und Internationalität, diese Haltungen an den unterschiedlichsten Orten der Erde wieder finden.

Welche der architektonischen Strömungen auch in Zukunft von Bedeutung sein werden und welche als kurzlebige Modeerscheinungen wieder untergehen, wird sich herausstellen. Am Bauteil Treppe, einer geschlossenen Einheit am Bau, können einige der architektonischen Tendenzen beschrieben und ihre verschiedenartigen gestalterischen Ausformulierungen aufgezeigt werden.

Als große Geste zelebrieren Richard Rogers und Renzo Piano die Bewegung, die das Bauteil Treppe assoziiert. Am Centre Pompidou (s. 185) in Paris schlängeln sich die in Glasröhren befindlichen Rolltreppen an der Fassade entlang. Angelehnt an die Gestaltung haustechnischer Anlagen werden sie zum Sinnbild für die Ästhetik maschineller und technoider Formen. Sehr deutlich erkennt der Betrachter, dass die Entwurfsinspiration eher aus dem Raumschiff-, Flugzeug- oder Automobilbau stammt als aus der traditionellen Baukunst.

Auch die Treppe in Norman Fosters Hongkong Shanghai Bank (Abb. 1) zeigt die technisch orientierte Gestaltungsideologie des Architekten. Zwei schräg gestellte Fahrtreppen führen in das Eingangsfoyer im ersten Obergeschoss. Will man die Bank betreten, muss man diese rollenden Treppen benutzen. Unwillkürlich nimmt der Besucher die technisierte Umgebung wahr, indem er, ohne sich selbst zu bewegen, in die aus Glas und Stahl geschaffene Architektur-Maschine einfährt.

Ein Beispiel für eine vergleichbare Haltung ist die Stahltreppe von John Young (Abb. 2 und Detail 2/92), die er für seine eigene Wohnung in London konzipierte. Sie strahlt durch das Sichtbarmachen der einzelnen konstruktiv notwendigen Elemente, das Zerlegen der Konstruktion in ihre Einzelteile eine technologische Ästhetik aus. Der Treppenlauf ist aufgelöst in einen unterspannten Träger, dessen statische Beanspruchung deutlich ablesbar ist. Auch das Auflager, eine Rolle am Boden, zeigt, wie die Kräfte abgelastet werden. Das Bauteil ist von konstruktiver Logik, das durch die besondere Betonung der Details wie der Gelenkverbindungen, der Schrauben und Muttern seine gestalterische Wirkung entfaltet.

Auch die Treppen der Londoner Architektin Eva Jiricna (Abb. 3 und Detail 2/90) strotzen vor filigraner Konstruktionstechnik. Sie wirken vielschichtig, offen und leicht, der traditionelle dreidimensionale Treppenkörper wird aufgegeben und es entsteht ein Werk, das durch seine technische Komplexität beeindruckt. Durch die Verwendung von glitzerndem Edelstahl werden die Details der feingliedrigen Verbindungsknoten betont und die technische Innovation, Glas als tragende Stufen einzusetzen, wird glamourös zelebriert.

Diese vier Beispiele lassen auf eine fortschrittsorientierte Anschauung der Entwerfer schließen, ihren Glauben an die technischen Entwicklungen, deren freudige Umsetzung sich in der architektonischen Sprache zeigt – Grundgedanken, die ihren Ursprung in der Strömung der High-Tech-Architektur finden.

Eine gänzlich andere Haltung vermittelt Steven Holl mit seiner gewendelten Treppenanlage im Museum für zeitgenössische Kunst in Helsinki (S. 161 und Abb. 1, S. 167). Hier wirkt die Treppe wie eine skulpturale Plastik, die in ihrer Material- und Detailvielfalt sowie Farbigkeit aufs Äußerste reduziert ist. Die Ausdruckskraft steht im Vordergrund, das Ziel, einen ruhigen atmosphärischen und beeindruckenden Raum zu schaffen, der dem Besucher zudem interessante räumliche Perspektiven bietet.

Jacques Herzog und Pierre de Meuron erzielen mit ihrer Treppe im Kunstmuseum in Duisburg einen ähnlichen Effekt (Abb. Die aus terrakottafarbenem Beton gegossene Treppe zeigt auf ihrer rauen Oberfläche das Spiel des Lichts. Die sich wandelnden räumlichen Blickpunkte werden durch eine changierende Farbigkeit der Betonoberfläche untermalt und bieten dem Besucher ein zusätzliches visuelles Erlebnis.

Auf eine andere Weise skulptural wirkt die kleine Wohnhaustreppe in Nijmwegen, Holland, von Bert Dirrix (Abb. 4, 6). Bei der aus verzinktem Stahlblech geschweißten »Wandskulptur« wird der fließende Übergang von Wange und Tritt zum Thema gemacht. Auf die baulich notwendigen Elemente, wie Geländer oder rutschfesten Belag, wird verzichtet. In ihrer expressiven Gestalt, ihrer materiellen und formalen Einheitlichkeit erinnert sie eher an ein Kunstobjekt als an ein architektonisches Bauteil im klassischen Sinn.

Zum Kunstobjekt wird auch die Treppe im ehemaligen Bonner Bundestag von Günter Behnisch (Abb. Inspiriert von den architektonischen Kunstwerken des Japaners Nigashi Kawamata lösen sich die Treppengeländer in mikadoartig angeordnete Holzlatten auf, die in verschiedenste Richtungen zeigen. Das Geländer übernimmt nicht nur seine ihm zugedachte Funktion als Absturzsicherung, es ist eine expressive, raumdominierende Akkumulation von Einzelteilen, die sich jeglicher geometrischen Ordnung entgegensetzen. Obwohl die Treppe, die die Architekten selbst »das Vogelnest« tauften, in ihrer Gestaltung einzigartig ist, zeigt sie einige Grundgedanken des Dekonstruktivismus auf. Die Destabilisierung von Architektur und das Aufbrechen der inneren Logik von Struktur kommen sehr deutlich zum Ausdruck.

Ganz und gar nicht expressiv stellt sich die Treppe der Architektengruppe Arnke Göken Häntsch in der Erweiterung einer Bibliothek in Aurich dar (Abb. 9 und Detail 2/96). Sie ist filigran konstruiert und dient in ihrer konzeptionellen Einfachheit ihrem zugeschriebenen Zweck. Die Funktion wird hier als vordergründiges Gestaltungsprinzip betrachtet, was sich in der schlichten und rationalen Formensprache ausdrückt. Die Tragkonstruktion der einläufigen Wangentreppe besteht aus Stahlprofilen, die Trittstufen sind in Holz ausgeführt, das Geländer als einfache Reling gestaltet. Die Details werden nicht gefeiert, sie werden lediglich angewendet mit dem Ziel, die Funktion des Bauteils selbstverständlich und formgerecht darzustellen.

Funktional und schlicht zeigt sich auch das Geländer der Treppe von Fumihiko Maki im Kaze-No-Oka Krematorium in Nakatsu, Japan (Abb.10). Auch hier wird die gezielte Zurücknahme von gestalterischen Mitteln zum Entwurfsprinzip erhoben, jedoch mit der Absicht, durch die Minimierung auf das Wesentliche eine maximale Ausdruckskraft zu erreichen. Durch den disziplinierten Einsatz der naturbelassenen Materialien Beton, Holz und Stahl in Verbindung mit dem wohl überlegten Einsatz von Licht wird eine fast sakrale Stimmung erzeugt, die Ruhe ausstrahlt und dem Besucher erlaubt, sich in der zurückhaltenden Umgebung auf sich selbst zu konzentrieren.

Auch die Treppe in der Kindertagesstätte auf der Insel Hombroich von Oliver Kruse (Abb. 8) schafft in ihrer Materialeinheitlichkeit – sie ist ganz aus Holz gefertigt – eine ruhige Atmosphäre.

Von der einfachen, einläufigen Steiltreppe, wie sie Pinazza und Schwarz in ihren Ateliergebäuden in Ennetbaden (s. 198) einsetzten, bis zur großen Geste als Fassaden gestaltendes Element (S. ) wird die Treppe in der heutigen Architektur auf vielfältige Weise verwendet. Unterschiedlichsten Gestaltungsprinzipien folgend erscheint sie einmal transparent und leicht, wie im Wohnhaus von Seth Stein (S. 210), oder kraftvoll und massiv wie in Herzog & de Meurons Kunstmuseum. Insgesamt lässt sich in den letzten Jahren in der Gestaltung von Treppen wie in der sie umgebenden Architektur eine Tendenz zu schlichten, einfacheren Formen feststellen. Dies mag daran liegen, dass in unserem visuellen Zeitalter, das durch Reizüberflutung und Kurzlebigkeit gekennzeichnet ist, eine ruhige räumliche Umgebung Ausgleich schafft. Der euphorische Glaube an die Technik und der Wunsch, auch in der Architektur mit dem rasanten Fortschritt der Technik mitzuhalten, wurde relativiert. Eher zeigt sich, dass Architekturen wieder erdverbundener werden. Ob diese archetypischen Formen zukunftsträchtig sind, bleibt abzuwarten. Welche weiteren Formen die Architektur der Zukunft annehmen wird, wird spannend zu beobachten sein.

  • Stroh

    Die Professur für Kreislaufgerechten Holzbau am Karlsruher Institut für Technologie (KIT) präsentiert dieses umfassende Nachschlagewerk zum nachhaltigen Bauen mit Stroh. Stroh bietet großes Potenzial für eine klimagerechte Baukultur: Es ist regional verfügbar, kostengünstig, CO2-speichernd und vollständig kreislauffähig. Die Publikation vermittelt Wissen über konstruktive, rechtliche und gestalterische Möglichkeiten auf nachvollziehbare, kritisch reflektierte und praxisnahe Weise. Sie dokumentiert Ergebnisse aus Lehre und Forschung, beleuchtet realisierte Projekte und zeigt konstruktive Prinzipien, Detaillösungen sowie gestalterische Potenziale. Hochwertige Fotografien, Pläne und Grafiken vermitteln die Inhalte anschaulich.